Dating, Gedankenballett

Kolumne: Über Arschlöcher, Enden und Bocksprünge

Ana - 15. November 2016

Da läuft man unbeschwert Richtung Hauptbahnhof, erinnert sich an ganz früher, während man versucht, nicht auf das Laub zu treten, was den Asphalt säumt, und zack – da steht plötzlich er. Läuft an mir vorbei, wir lächeln uns an, nicken uns zu und gehen weiter. Ich warte auf den Moment, an dem auf einmal nichts mehr unbeschwert ist. Auf den Moment, in dem ich mir das falsche Lächeln aus dem Gesicht wische und „Dieses Arschloch“ denke. Es passiert das Unglaubliche: Dieser Moment bleibt aus. Mein Lächeln war echt, genauso wie meine unbeschwerten, leichten Schritte mit denen ich einfach weiterlaufe. Immer noch bedacht darauf, das Lavalaub zu umgehen.

Das nennt man wohl, „Über jemanden Hinwegsein“. Es ist überhaupt nicht anstrengend und vorbereiten kann man sich darauf genauso wenig – von dem einen auf den nächsten Moment ist es einfach so. Ich wundere mich darüber, wie passend der Begriff ist. „Über jemanden hinweg sein“ passt wie angegossen, denn ich fühle mich wirklich überlegen. Dort wo früher so viel Unterlegenheit, so viel Abhängigkeit und Schwäche war, steht meine Wenigkeit jetzt aufrecht. Ich war nicht diejenige, die damals entschied, dass sich unsere Wege erstmal nicht mehr kreuzen. Ich wäre geblieben. Okay, kreuzen tun sich unsere Wege immer noch – ist nicht so, dass sie plötzlich exakt parallel verlaufen würden. Dafür müssten wir uns wohl beide mehr anstrengen. Und dafür müssten wir immer noch aneinander denken und uns überlegen, welchen Weg wir gehen, um den anderen NICHT mehr zu treffen. Pustekuchen. Es ist mittlerweile egal. So kreuzen sich unsere Wege, aber vielleicht eher so wie ein kleiner Pfad in einer fetten Hauptstraße mündet und irgendwo verschoben auf der anderen Straßenseite wieder weitergeht. Die Straße ist aus festem, grauem Asphalt, und der Pfad rutschig, mit Sand überdeckt und so klein, dass man ihn leicht übersieht. Aus meiner Perspektive bin ich die Straße. Aus seiner bin ich der Trampelpfad und vice versa. Irgendwann verlieren Menschen einfach an Bedeutung.

Damals war es nicht meine Entscheidung, die ausschlaggebend dafür war, dass die Hauptverkehrskreuzung plötzlich zu einer Einzelstraße mit einigen Trampelpfaden hier und da wurde. Ich entschied mich nicht dafür, zu gehen, und käme er zurück hätte ich nicht Nein gesagt. In diesem Moment hatte ich aber nicht die Wahl Nein oder Ja zu sagen, denn es steht jedem zu, zu gehen wann und wohin er oder sie will. Egal, wie weh es tut und wie viel einfacher die Situation dadurch wird, dass wir nach dem Verlassen-Werden Fronten ziehen, dem anderen Boshaftigkeit unterstellen und die Welt Schwarz und Weiß und Gut und Böse malen – Menschen bleiben dort, wo es ihnen gefällt, und gehen, wenn es ihnen nicht mehr gefällt. Wünschen wir uns diese Freiheit nicht auch für uns selbst?

Arschloch, Arschloch, Arschloch. Hat nicht jeder, schonmal jemanden ganz beiläufig, ob ernst gemeint oder nicht, ein Arschloch getauft? Weil er sich erst interessiert und gemeldet, es dann vielleicht zu einer kurzen, oder einer jahrelangen Beziehung, dann aber doch zu einem Ende kam? Wieso ist dieser jemand ein Arschloch? Versteht mich nicht falsch – wenn es eurem Frust ein Ventil gibt, wenn es die Lage einfacher macht, dann speichert den Menschen als Arschloch in euer Handy ein. Aber glaubt es nicht. Zu gehen, wenn man nicht mehr glücklich ist, ist eine richtige Entscheidung und keine böswillige. Man darf das Interesse verlieren und in den meisten Fällen kann man gar nichts dafür. Dann findet man sich in einer Situation wieder, in der man plötzlich nicht mehr komplett vernarrt und abhängig in den Seilen der Beziehung hängt, sondern irgendwie irgendwo irgendwann nicht mehr alles erwidern kann. Man ist der überlegene, distanziertere Part mit der Macht den anderen zu verletzen und man kann nicht anders, als diese Macht dann auszunutzen. Die andere Seite trauert, denn es tut weh, verlassen zu werden und sich getäuscht zu fühlen. Aber noch mehr schmerzt das Verlassen-Werden, weil man machtlos war und als unterlegener, viel zu abhängiger Part eine Änderung einfach so in Kauf nehmen muss, für die man sich selbst nicht entschieden hat.

Niemand ist ein Arschloch. Oder (und folgende Aussage ist genauso richtig) Jeder ist ein Arschloch. Auch du. Interesse von außen schmeichelt uns, auch wenn wir es nicht erwidern. Und kein Interesse von außen verletzt uns. Uns alle. Wir verletzen und werden verletzt und malen die Welt Schwarz und Weiß in Arschlöcher und Helden einen Helden. Denn fast jeder Held wird mal zum Arschloch und fast jedes Arschloch wieder zum Helden, wenn die richtige Person über den Weg läuft.

Im Nachhinein haben wir dann ein gebrochenes Herz und einen gebrochenen Stolz, weil wir mehr wollten, wo der andere nicht mehr wollte. Wir reden uns ein, der andere wäre schlecht, hätte uns verarscht. Und vielleicht verschließen wir dann uns selber vor allem, was in Zukunft kommt, in Angst davor dasselbe noch einmal zu erleben. Verletzlichkeit ist riskant, wenn wir sie zulassen, befördern wir uns ins Haifischbecken, doch ist sie die Voraussetzung dafür, wirklich Großartiges zu erleben. Sich wirklich zu verlieben, mit Leib und Seele, head over heels, entgegen aller Einstellungen insgeheim zum Blondchen zu mutieren – und dabei trotzdem glücklich zu sein. Wahrscheinlich endet es irgendwann wieder böse. Aber wieder einige Zeit darauf folgt ein nächstes Hoch, wenn ihr bei einem ganz gewöhnlichen Herbstspaziergang plötzlich darüber hinweg seid, ohne es gemerkt zu haben. Ich will nicht zu streng sein. Nicht mit mir, nicht mit ihm, nicht mit anderen. Und ich will nicht mehr so eine große Angst haben – die schlechten Zeiten kommen, ob ich es will oder nicht.  C’est la vie.

Beitragsbild: Unsplash.com // Peter Miranda

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4 Comments

  • Tabea 15. November 2016 at 19:42

    Hach, du fasst es mal wieder so gut in Worte.
    Diese Situation, in der jemand eben beschließt zu gehen, aber man ihn auch sofort ohne Zögern wieder in das eigene Leben zurücklassen würde, ich kenne sie nur zu gut. Denn genau so ging es mir ab der Trennung von meinem Exfreund am letzten Silvester. Und erst kam diese Phase, in der ich mir versuchte einzureden, dass er eh doof sein… doch jetzt, jetzt freut es mich, dass es ihm scheinbar gut geht und er sein Leben genießt. Er hat sein Leben, ich meins, und wir sind gerade wohl einfach beide besser dran als wir es waren, als wir noch zusammen waren 🙂

    Dass niemand oder eben alle ein Arschloch ist, da kann ich nur zustimmen. Wir müssen einfach alle sehen, dass wir nicht zu unglücklich mit einer Situation werden – denn negative Gefühle schaden ja nicht nur uns, sondern auch den Mitmenschen.

    Liebe Grüße

    Reply
    • Ana 24. November 2016 at 10:34

      Hey Tabea, danke für deinen lieben Kommentar 🙂

      Genau so sollte es auch sein 😉

      Reply
  • Paula 16. November 2016 at 17:03

    Oh Ana, was für ein wunderschöner, trauriger Artikel über Beziehungen und Arschlöcher. Du berührst mein Herz, es ist SO wahr. Ich wünschte, viel mehr Menschen, würden genau das verstehen. Würden verstehen, dass Menschen gehen, wenn sie nicht mehr glücklich sind und deshalb (keine) Arschlöcher sind. Denn auch wenn du in der Situation des überlegenen Parts bist, ist es keineswegs einfach, diesen Schritt zu gehen. Sich um sich selbst zu kümmern und sein Glück in die Hand zu nehmen, in dem Wissen, dass du damit deinem (Ex-)Partner für eine Weile die Welt zerstörst, um dir selbst neue Türen zu öffnen. Aber manchmal, da geht es einfach nicht mehr anders. Und irgendwann versteht dann auch der Verlassene, dass es trotzdem weitergeht….

    Hab eine schöne Restwoche,
    Paula
    http://www.laufvernarrt.de

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    • Ana 24. November 2016 at 10:36

      Hey Paula – vielen vielen Dank! 🙂
      Ich denke viele wissen es, nur ist es schwer sich das manchmal einzugestehen. Wie du schon schreibst – manchmal bricht eben eine kleine Welt zusammen – da ist es einfacher ein Hassobjekt zu kreieren, als fair und objektiv über die Situation nachzudenken. 🙂

      Danke- das wünsche ich dir auch <3 xx Ana

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