Über Autorenängste, Kafka und einen lesenden Hobbypsychoanalytiker

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen“. Das schrieb Mark Twain und brachte damit sicher mehrere Millionen Menschen zum Schmunzeln. Und auch mich und das mehr als einmal.

Was Twain da spielerisch in den Raum wirft, war für mich aber lange Zeit voller Ernst. Schreiben ist leicht. Schreiben ist wie Dominospielen. Ich brauche nur mit einem Gedankenstein anfangen, welcher dann in einer Kettenreaktion die an anderen zum Kippen bringt. Das Produkt klingt dann manchmal gut genug, dass andere es auch gerne lesen. Mein Finger schnellt herab auf die Enter-Taste, die die Worte in die Weiten des Internets schickt. Schreiben ist das leichteste der Welt. Dachte ich zumindest, bis mir plötzlich überzufällig oft Folgendes passierte: Im Gespräch mit Freunden erwähnten sie Dinge, die ich ihnen nie erzählt hatte. Wenn ich ihnen eine Geschichte erzählte, dann gaben sie mir den Eindruck, sie wüssten schon etwas darüber. Als wäre nicht ich, als Person in der Realität, die Quelle, über die man etwas über mich herausfindet. Als hätten sie noch eine weitere Quelle, und wüssten damit viel mehr über mich, als ich preisgebe. Diese zweite Quelle ist mein Blog.

Während man nämlich damit beschäftigt ist, die falschen Wörter aus dem Text, den man schreibt, rauszuhalten, flutscht einem etwas anderes ganz beiläufig rein: Man selbst. Beschäftigt mit Nomen, Satzstrukturen, Kommata und Metaphern, merkt man gar nicht, wie   man beim Schreiben mit dem Handrücken die Tinte verwischt, sich die Finger vollsaut und ein Dutzend blassblauer Fingerabdrücke auf dem Papier hinterlässt. Mit jedem Fingerabdruck ein Stück von sich selbst. Der Grund, warum man gerade das Thema gewählt hat. Die Idee, wie man darauf gekommen ist. Eigene Erfahrungen, die einen zu dieser und jener Einsicht geführt haben. Die eigene Verzweiflung, die eigenen Sorgen, wenn nicht sogar Angst, die zwischen den Zeilen sprechen. Vielleicht ist man wütend, vielleicht unglaublich verunsichert. All diese Informationen haben sich gut hinter den richtigen Worten versteckt und wurden nicht entdeckt, als wir den fertigen Text nach falschen Wörtern durchkämmt haben.

Und das ist auch eigentlich gut, nicht? Wer will schließlich einen Text lesen, der von einem Roboter geschrieben wurde? Vollkommen objektiv, vollkommen neutral und trocken und ohne das, was uns Menschen menschlich macht: Überzeugung, Ärger, Hoffnung. Ich rede hier übrigens nicht von der Berichterstattung – die darf nichts anderes als objektiv sein. Ich rede von all den anderen Formaten, die von Menschen für Menschen geschrieben werden: Reportagen, Portraits, Kommentare, in denen ich lesen möchte, wie der Autor die Welt wahrgenommen hat. Und Wahrnehmung ist nicht objektiv, also her mit den Brillengläsern dieses Autors! Ich will die Welt aus seinen Augen sehen!

So weit so gut. Irgendwie hat dieser intellektuelle Brillenaustausch aber auch etwas unglaublich beängstigendes. Als Autor will ich mich ja mitteilen, ich will den Lesern zeigen, was ich gesehen habe. Aber – will ich ihnen wirklich meine Perspektive überlassen? Will ich meine Brillengläser und meine Fingerabdrücke einfach so zur Schau stellen? Ist daran nicht irgendetwas privat und intim? Spricht man mit seinen Bekannten einfach so über Liebe, tragische Trennungen, Sex, Panik, Ohnmacht oder Freundschaften, die mit Rückenstößen enden? Nein. Schreibt man darüber einen Artikel für eine Zeitschrift, eine Kolumne, einen harmlosen Beitrag auf dem Blog? Aber sofort. Das sind Themen, mit denen niemand einen Smalltalk einleitet. Schreibt man etwas für die Öffentlichkeit liegt die Hemmschwelle niedriger.

Als Autor begibt man sich also freiwillig auf das Sofa jedes Hobbytherapeuten.  Schaut euch nur an, was zum Beispiel aus dem armen Kafka geworden ist. Und dieser war noch nicht mal so naiv und hat seine Schreiberei mit der Welt geteilt. Ein nie zufriedenzustellender Vater und oben drauf noch eine tragische On-Off-Beziehung mit Felice Bauer. Kafka hatte sein Päckchen zu tragen, was er im Stillen mit Feder und Papier zu verarbeiten versuchte. Dieses ziemlich gut kodierte Tagebuch wurde ihm dann letztendlich an seinem Totenbett entrissen und wird heute von einer ganzen Generation deutscher Abiturienten in seine Einzelteile zerlegt. Da nützt es auch nichts, dass uns die Lehrer immer daran erinnert haben, dass der Erzähler keineswegs der Autor ist. Leser unterstellen Autoren immer autobiografisch zu schreiben und suchen nach Indizien, die uns erlauben tief in die Seele der Autoren zu schauen.

… und davor habe ich manchmal Angst. Ich gebe es ganz direkt zu, ehe jemand auf die Idee kommt, sich dafür zu feiern, weil er meine Verunsicherung zwischen den Zeilen entdeckt hat. Es ist für mich als Schreiber ein … gewöhnungsbedürftiger Nebeneffekt der Schreiberei, zu wissen, dass man meine Worte liest und danach glaubt, eine Idee davon zu haben, wer ich sei. Wer liest, was ich schreibe, der liest mich. Lange hat dieser Nebeneffekt an mir genagt, und das tut er heute noch. Manchmal wird mir geradezu schlecht davon. Beschuldigen kann ich auch niemanden dafür – mir passiert das in der Leserposition genauso.

Ob ich letztendlich etwas gegen diesen Nebeneffekt unternehmen werde, kann ich daher nicht beantworten. Meine Alternativen beschränken sich auf a.) Aufhören mit dem Schreiben b.) Aufhören mit dem Veröffentlichen c.) Objektiv und nur über Tatsachen, nicht mehr über Gefühle und Erfahrungen schreiben.

Ist es das Wert?

Ein deutscher Philosoph schrieb mal:

„Wenige schreiben, wie ein Architekt baut, der zuvor einen Plan entworfen und bis ins einzelne durchdacht hat; vielmehr die meisten nur so, wie man Domino spielt.“

Tatsächlich bin ich lieber Dominospieler als Architekt. Ich schreibe gerne ein Wort auf und lasse die nächsten wie von alleine auf das Papier kullern. Dafür muss ich ehrlich mit mir selbst sein und mich öffnen. Wenn ich damit beschäftigt bin, alle Poren zu verschließen, aus denen eventuell private Gedanken tropfen könnte, dann kann ich lange darauf warten, dass mir ein kreativer Einfall leicht aus der Hand geht.  Deshalb muss ich abwägen, ob mir das Bloggen und Schreiben so viel Wert ist. Denn gut zu Schreiben und dabei nichts preiszugeben, ist ein unrealistisches Szenario. Ist diese Liebe es Wert, ein Stück meiner Privatsphäre aufzugeben?

Meine aktuelle Antwort lautet ja. Denn: Schreiben ist noch ein Ticken mehr, als nur ein ehrliches, authentisches und selbstreflektierendes, dreidimensionales Dominospiel. Beim Schreiben kippen Steine um, die ich mich nicht erinnere aufgebaut zu haben. Die Spur kippt in Himmelsrichtungen, die die Geografie nicht kennt. Wenn ich schließlich den Stift beiseite lege, dann erstrecken sich meine Dominosteinchen auf zig Spielbrettern, für die ich bisher blind war. Und das wäre ich heute noch, hätte ich nicht der Dominospur gefolgt. Wenn der Preis für mein Schreiben der ist, dass ich meinen Lesern nicht nur die neuentdeckten Welten zeige, sondern sie dabei ganz nebenbei auch einen Blick auf meine Fingerabdrücke erhaschen, die Welt durch meine Brillengläser sehen; Sie nicht nur der Dominospur folgen, sondern auch auf das Päckchen zurückblicken können, das ich aus den vergangenen Jahren bei mir trage, – dann zahle ich diesen Preis gerne. Mit diesem nervigen Nebeneffekt muss ich dann wohl leben. Vielleicht sehe ich das in einigen Jahren ganz anders, vielleicht auch schon morgen. Doch derzeit zahle ich diesen Preis gerne. Falls sich etwas ändern sollte, hört ihr von mir. Oder ihr hört eben nicht von mir, dann wisst ihr auch Bescheid.

Was denkt ihr über das Thema? Schreibt ihr selbst? Welche Dinge mögt ihr nicht am Schreiben für eine Öffentlichkeit? Welche Dinge liebt ihr daran? xx Ana

Beitragsbild: Unsplash.com // Klaas

9 thoughts on “Über Autorenängste, Kafka und einen lesenden Hobbypsychoanalytiker

  1. Jenni

    Liebe Ana!

    Ein unglaublich berührender Artikel, denn er greift genau das auf und an, was ich sich bei mir selbst ebenfalls seit einiger Zeit durch die Gedankengänge bewegt und was näher anzuschauen ich mich absolut nicht getraut habe – aus Angst vor der Antwort auf das Problem.
    Ich möchte mir auch gar nicht so gerne ausmalen, was die Menschen, die mich kennen und „in echt“ erleben, denken, wenn sie meine Zeilen lesen. Für eine anonymisierte Masse zu schreiben, das ist easy, da formulieren sich romanlange Texte gewissermaßen wie von selbst. Da ist der Abstand da, das ist kein Problem. Die „kennen“ mich nicht – jedenfalls niemals so wie jemand aus dem echten Leben.
    Dennoch: Das Schreiben aufzugeben, das ist auch keine Option. Mit anderen zu teilen, sie mitzunehmen auf die eigene Reise – das gibt so viel zurück. Manchmal muss man im Einzelfall abwägen, was wichtiger ist – aber ich glaube, das Schreiben gewinnt bei mir immer die Oberhand.

    Liebe Grüße und danke für deinen tollen Gedankenanstoß!
    Jenni

    Reply
    1. Ana Post author

      Danke für deinen Kommentar, Jenni!
      Genau – momentan ist das Aufgeben auch keine Option. Aber es war schon ein Schock, da das Schreiben für mich bisher nie irgendeinen Nachteil mit sich brachte. Und jetzt plötzlich schon (natürlich entsteht dieser Nachteil nur durch das Veröffentlichen!). Schön zu hören, dass ich da mit meinen Gedanken nicht die Einzige bin.

      xx Ana

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  2. Lexa

    Ein schöner Text und wie schon geschrieben ein toller Denkanstoß. Mir ist es auch schon passiert, das Menschen dachten mich zu kennen, nur auf Grund dessen, was sie von mir lesen konnten. Und dann waren sie ganz erstaunt, als sie das erste Mal mit mir sprachen. Spannend und interessant, aber auch beängstigend(?).
    Wie du, werde ich trotzdem nicht mit dem Schreiben aufhören, es gibt mir mehr, als es mir an (vermeintlicher) Privatsphäre nimmt. Ich glaube, da möchte ich auch noch einmal drüber bloggen. Danke für den Anstoß.
    LG Lexa

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  3. Eva

    Ein sehr schöner Beitrag! Klar, man entscheidet sich in diesem Moment, wenn man einen Blog erstellt und Posts veröffentlicht in einer gewissen Weise dazu, ein Stück von sich selbst preiszugeben. Man erfährt etwas über denjenigen, der den Post veröffentlicht, aber ich finde so richtig kann man jemanden nie anhand vom Schreibstil etc. kennen. Dein Post ist sehr schön geschrieben und regt auf jeden Fall zum Denken an- trotzdem werde ich denke ich nicht damit aufhören, zu bloggen- man muss ja trotzdem bedenken, dass es Spaß macht. Vor allem den Vergleich mit dem Zitat finde ich sehr schön.

    Liebste Grüße, Eva
    https://alltheselittlethingsofmylife.wordpress.com/

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    1. Ana Post author

      Nein kann man auch nicht – nur denkt man das vielleicht von sich selbst, dass man das kann!

      Danke! Ist doch ein schöner Gedanke, dass die Vorteile, die wir durch das Bloggen mitnehmen, überwiegen.

      xx Ana

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  4. Pingback: Weekly Log #3: Eine Lernstrategin an sonnigen Wintertagen - The Disaster Diary

  5. Eli

    Hallo Ana,
    Ich wollte dir neulich schon ein Kommentar hinterlassen und heute setze ich dies mal wirklich um:) Deine Beiträge finde ich nämlich großartig! Inhaltlich, aber eben auch deine Art zu formulieren gefällt mir richtig gut und ist irgendwie auch erfrischend anders.
    Über dieses Thema habe ich auch schon nachgedacht. Auf meinem Blog habe ich nun bestimmt schon mehrmals erwähnt meinen „Schreibstil“ scheinbar verloren zu haben – ohne zu verstehen woran das liegt. Aber mir ist eben erst klar geworden, warum das so sein könnte. Es gibt Aspekte in meinem Leben, die mich seit einiger Zeit stark beeinflussen, aber wenn ich auf dem Blog schreibe, will ich diesen Part eigentlich gern außen vor lassen und genau das hindert mich frei von der Leber weg zu schreiben. Manche Dinge sind dann doch sehr privat, aber es nimmt auch viel von der Freude am Schreiben, wenn man quasi auf der Hut ist. Mal davon abgesehen, dass ich mir im Klaren bin, dass man bestimmt trotzdem viel zwischen den Zeilen lesen kann. Der aufmerksame Leser darf diese Infos auch gerne haben, ich bin mir nur noch nicht sicher, ob ich selbst gewisse Themen auf meinem Blog auch wirklich offen aussprechen will und man diese Schlagworte dann dort findet.
    Von daher danke für deine Brillengläser;) Diese andere Sichtweise hilft mir vielleicht mir klarer zu werden und herauszufinden, wie ich damit in Zukunft umgehen werde.

    Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag,
    Eli

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    1. Ana Post author

      Hallo Eli,
      vielen Dank für diesen lieben Kommentar!! 🙂 Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet.
      Wenn man sich komplett unwohl mit den Sachen fühlt, über die man schreibt, dann sollte man sie auch nicht veröffentlichen, finde ich. Bei mir war es aber so, dass dieses Unwohlsein eher von außen kam und ich mich gefragt habe, ob es normal ist, dass ich kein Problem habe, darüber offen zu erzählen. Für viele ist es das schließlich nicht. Doch solange ich da im ersten Moment keinen Problem mit habe, kommt es auch auf meinem Blog online – da ist es mir egal, ob und wie andere das anders gemacht hätten. 🙂 Dann schaue ich mal auf deinem Blog vorbei! 😉 xx Ana

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