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Kolumne: Über Arschlöcher, Enden und Bocksprünge

Da läuft man unbeschwert Richtung Hauptbahnhof, erinnert sich an ganz früher, während man versucht, nicht auf das Laub zu treten, was den Asphalt säumt, und zack – da steht plötzlich er. Läuft an mir vorbei, wir lächeln uns an, nicken uns zu und gehen weiter. Ich warte auf den Moment, an dem auf einmal nichts mehr unbeschwert ist. Auf den Moment, in dem ich mir das falsche Lächeln aus dem Gesicht wische und „Dieses Arschloch“ denke. Es passiert das Unglaubliche: Dieser Moment bleibt aus. Mein Lächeln war echt, genauso wie meine unbeschwerten, leichten Schritte mit denen ich einfach weiterlaufe. Immer noch bedacht darauf, das Lavalaub zu umgehen.

Das nennt man wohl, „Über jemanden Hinwegsein“. Es ist überhaupt nicht anstrengend und vorbereiten kann man sich darauf genauso wenig – von dem einen auf den nächsten Moment ist es einfach so. Ich wundere mich darüber, wie passend der Begriff ist. „Über jemanden hinweg sein“ passt wie angegossen, denn ich fühle mich wirklich überlegen. Dort wo früher so viel Unterlegenheit, so viel Abhängigkeit und Schwäche war, steht meine Wenigkeit jetzt aufrecht. Ich war nicht diejenige, die damals entschied, dass sich unsere Wege erstmal nicht mehr kreuzen. Ich wäre geblieben. Okay, kreuzen tun sich unsere Wege immer noch – ist nicht so, dass sie plötzlich exakt parallel verlaufen würden. Dafür müssten wir uns wohl beide mehr anstrengen. Und dafür müssten wir immer noch aneinander denken und uns überlegen, welchen Weg wir gehen, um den anderen NICHT mehr zu treffen. Pustekuchen. Es ist mittlerweile egal. So kreuzen sich unsere Wege, aber vielleicht eher so wie ein kleiner Pfad in einer fetten Hauptstraße mündet und irgendwo verschoben auf der anderen Straßenseite wieder weitergeht. Die Straße ist aus festem, grauem Asphalt, und der Pfad rutschig, mit Sand überdeckt und so klein, dass man ihn leicht übersieht. Aus meiner Perspektive bin ich die Straße. Aus seiner bin ich der Trampelpfad und vice versa. Irgendwann verlieren Menschen einfach an Bedeutung.

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Kolumne: Die Flucht nach vorne

Letztens scrollte ich durch meinen Facebookfeed und blieb an einer Veranstaltung hängen, die nicht weniger als ganze siebzehn meiner Freunde auf Facebook mit „Interessiert“ markiert hatten. Uiuiui, was habe ich verpasst? Welche Party wird dieses Wochenende gehypt? Doch nicht etwa die Schaumparty – auf die würden mich keine 10 Pferde kriegen.

Aber Fehlanzeige – keine Schaumparty dieses Wochenende. „Generation Beziehungsunfähig – Vorlesung von xy“ heißt die Veranstaltung. „xy“ steht für den Namen des Buchautors, welcher in meinem Heimatstädtchen aus seinem Werk vorlesen und etwas darüber reden will. Da ich zu den wenigen gehöre, die tatsächlich gerne zu Lesungen gehen UND sich nicht dafür schämen, das öffentlich zuzugeben, bin ich über die vielen Interessenten auf Facebook verwundert: Scheint, als wäre das Thema „Beziehungsunfähig“ ganz groß.

Der kurze Beschreibungstext spricht davon, dass wir in Zeiten der Individualisierung und Selbstverwirklichung zu wenig einstecken können, um eine funktionierende Beziehung zu führen. Ich kann den Gedanken des Autors nachvollziehen – schließlich stimmt es, dass wir unser Leben von vorne bis hinten unseren Wünschen anpassen wollen. Gefällt uns etwas nicht, dann fordern uns WeHeartIt-Sprüche dazu auf, es zu ändern. „Just Do It“, „Treat Yourself“, „Put Yourself First“ sind da nur einige Musterkandidaten. All das führe dazu, dass wir zu hohe Erwartungen haben und immer versuchen, proaktiv zu sein. Handeln ohne Abzuwarten, ohne Zeit zu lassen. Dabei sollte man, xy’s Meinung nach, eben auch mal passiv sein können, dem anderen seinen scheiß Graue-Wolken Moment lassen und warten, bis dieser vorüberzieht und die Sonne wieder scheinen kann. Den stillen Unterstützer spielen, auch wenn wir dem anderen am liebsten Life-Advice geben wollen, damit er schnell wieder in das Verhaltensmuster unseres „Traumpartners“ verfällt.

Dann las ich in Online Magazinen vermehrt von Phänomen wie „Ghosting“ und „Benching“. Ghosting: wenn man sich einfach nicht mehr meldet und ins Abseits verschwindet. Benching: Wenn man sich grade mal so regelmäßig meldet, dass der andere Hoffnungen hegt, grade mal so unregelmäßig aber, dass man kein eindeutiges Interesse zeigt. Schicker, englischer Name für das klassische „den Anderen Warm Halten“.

Beides absolut asoziale Verhaltensweisen, die aber unglaublich beliebt und erfolgreich sind. Erfolgreich in was, fragt ihr euch? Auf jeden Fall nicht im beziehungsfähig sein! Beherrscht man Ghosting und Benching aber wie ein Profi, dann wird man doch immer erfolgreich im Ego-Bewahren und Überlegenheit-Zeigen sein. Auch ich sehe die Problematik der Generation Beziehungsunfähig, allerdings glaube ich nicht, dass man das ist, nur weil man versucht sich selbst zu verwirklichen.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und der ängstlichen Fixierung auf das eigene Ego. Ghosting und Benching sind unfair und zwischenmenschlich ein absolutes No Go – es ist total in Ordnung das Interesse zu verlieren, doch wieso teilt man das dem anderen nicht einfach mit? Geht man respektvoll mit anderen um, in dem man es genießt, sie in der Luft hängen zu lassen? Logisch betrachtet ist so ein Verhalten überhaupt nicht cool – doch leider wird es in der Praxis ziemlich oft als sehr cool und lässig angesehen. Genau das ist der Untergang dieser sogenannten Generation, die sich im Selbstmitleid versinkend „Beziehungsunfähig“ tauft.

Es zieht die allgemeine Auffassung ihre Runden, man dürfe es sich nicht erlauben, den anderen mehr zu mögen, als man selbst gemocht wird. Es sei der absolute soziale Untergang „Abserviert“ zu werden. Zu zeigen, dass man verletzt darüber ist, dass sich der andere plötzlich nicht mehr meldet. Die sichere Alternative: Immer das Ego bewahren.

Übung macht den Meister. Und Egoismus macht süchtig. Mal der zu sein, der die Abfuhr bekommt, zeuge von Schwäche – das lassen dich alle anderen mit ihrem Gemunkel wissen.

Letztendlich vermeiden wir es strengstens, auch nur mit einer Faser zu riskieren, dass unser Stolz verletzt wird. Wir werden zu den Personen, die sich nach dem Treffen erstmal aus Prinzip gar nicht melden, erzählen unseren Freunden, dass da „gar nichts ist“ und posaunen selbstbewusst heraus, dass wir eh nach nichts Festem suchen. Verschränken vor jedem Moment, in dem der andere vielleicht dann doch an unserem Innersten kratzt, die Arme und tragen das Näschen stets oben. Die Reihe an Dominosteinen, die wir damit allerdings anstoßen, verfolgt eine kreisförmige Spur… und beißt uns letzten Endes ins eigene Fleisch.

„Ich finds toll, dass wir Spaß haben können, ohne dass du direkt Stress schiebst. Voll entspannt, wenn keine Gefühle im Spiel sind“. Vorbildlich so etwas früh genug zu sagen, wenn es denn der Wahrheit entspricht. Viel zu oft sind solche Aussagen aber nur die Flucht nach vorne. Ganz nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ ziehen wir es vor, derjenige zu sein, der die Friend Zone ankündigt, statt zu riskieren gefriendzoned zu werden.

Wer traut sich nach so einer Ansage noch zuzugeben, dass da vielleicht ein Millimeter mehr als Zero-Emotio im Spiel ist? Wer traut sich dann noch zuzugeben, doch nicht komplett cool und selbstbewusst und stressfrei in dieser Situation zu stehen?

Am Ende lachen sich also alle nur heuchlerisch ins Gesicht – zeigen wie ungern sie eine Beziehung wollen, wie cool oberflächliches Aneinandervorbeireden ist und wie selbstbewusst man durchs Leben geht, wenn man eh nichts Festes will.

Fragt man nach, geben aber die meisten zu, dass sie irgendwann mal etwas festes wollen. Und… Wann? Tja, wenn es sich ergibt, ist darauf die Standardantwort. Es muss passen. Dann wenn nur ein oberflächliches Hier und Da mal hinter verschlossenen Türen nicht genug ist.

Da fällt mir immer die Geschichte der blau-häutigen Menschen ein, die aus Scham über ihre Hautfarbe nur mit einer weißen Maske durch die Gegend laufen und ihr ganzes Leben nach jemandem suchen, der auch blaue Haut hat. Da laufen sie also eines Tages auf einander zu und aufgrund der weißen Masken ahnungslos aneinander vorbei. Machen sich weiter auf die Suche nach ihrem blau-häutigen Seelenverwandten.

Wenn niemand offen über die eigenen Gefühle und Wünsche sprechen mag, wie sollen diese dann irgendwann erfüllt werden? Alle Zucken nur die Schultern, tun so als wäre ihnen alles egal – wie soll da deutlich werden, wann es wirklich ernst ist?

In der Generation Egoistisch und Unglaublich Feige („Beziehungsunfähig“ badet zu sehr im Selbstmitleid!) verkommen zahlreiche Beziehungen im Schweigen, verenden in der Raffinesse des Nicht-Antwortens und werden hinterher von beiden Seiten nur mit einem Schulterzucken kommentiert. Dank Tinder, Lovoo & Co. wissen wir nämlich, dass es mehr als nur ein Match für unser Profil gibt. Vielleicht beim Nächsten Mal also…


Beitragsbild: Unsplash.com

liebe

Kolumne: Finger weg von den Peter Pans!

Heute soll es um Dreiecke gehen. Nicht um die Form, die im Kindergarten eine große Herausforderung beim Zeichnen darstellte, sondern ein heute nicht unbeliebtes Mittel in Kultur und Literatur. In Büchern zum Beispiel. Oder in Filmen. Das altbekannte, beinahe ausgelutschte Liebesdreieck wird nämlich in fast jeder der großen tragischen Liebesgeschichten eingesetzt. Bestes Beispiel: Twilight. Wie viele Fans riss das herzzerreißende Hin-und-Her zwischen #TeamEdward und #TeamJacob in den Meyer-Wahn? Nur wenige dachten sich „Entscheid dich doch mal, Bella!“. Der Großteil der Zuschauer und Leser war mehr als gefangen in diesem komischen Bild von Liebe, in der plötzlich nicht mehr zwei, sondern drei Leute eine Rolle spielen. Anscheinend also nicht ganz sinnlos, wenn es darum geht Spannung zu steigern und Drama zu erzeugen. Wie so oft, verfallen tausende Fans der Illusion, auch so eine Situation zu erleben zu wollen, verwechseln fiktive Geschichten mit ihrem eigenen Leben und denken ganz unterbewusst wirklich, dass so Liebe aussehen muss. Schießlich wurde diese Liebesgeschichte abgedruckt und verfilmt und hat einen Haufen Kohle gemacht.

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