verdrängen

Kolumne: Der Schimmelfleck an meiner Wand

Ferienzeit ist Entrümpelungszeit. Generell sind Feiertage immer gut dafür, Dinge zu tun, die im Schatten der Schule, den Freunden, den Stadtbesuchen und dem Sport in Vergessenheit geraten. Sobald wir mehr Zeit als Pflichten haben, suchen wir uns Neue. Und werden wir dazu gezwungen mal die durch eine Staubschicht gekennzeichneten Bereiche zu durchforsten. In meinem Fall mein Bücherregal.

Linkes Regal, zweite Ablage von oben. Dort bewahre ich alle meine geliebten Rick Riordan Romane auf, welche ich mit 12 Jahren zu lesen anfing und immer noch innig liebe…. Leider aber nicht oft in die Hand nehme – auch die verdienen ein wenig Staubgewische. Ich leere das Regal und mache eine unerfreuliche Bekanntschaft. Der kleine Schimmelfleck an meiner Wand. Ungefähr so groß wie eine 2 Euro Münze und von einer dunkelgrünen Färbung. Schon das dritte Mal, dass ich ihn beim jährlichen Putzmarathon entdecke. Er ist eklig und ich bekomme Gänsehaut, denke fieberhaft darüber nach, wie ich ihn entfernen kann… Eigentlich ist dafür keine Zeit, denn ich räume grade mein Regal auf. Also denn, Bücher entstauben und wieder reinstellen. Sieh mal einer an!, der Fleck ist weg – zumindest sehe ich ihn nicht mehr. Aus den Augen aus dem Sinn, Problem gelöst. Zumindest bis zum nächsten Jahr.

Dass er dann vielleicht so groß sein wird wie der Boden einer Duftkerze oder viel schlimmer: Auf die Seiten meiner Geliebten Bücher übergehen wird, ist mir zu dem Zeitpunkt egal. Einfach Drüberstapeln bis ich mich damit nicht mehr auseinandersetzen muss. Es erscheint mir sogar eine Überlegung Wert, meine aussortierten Klamotten hinter dieses Regal zu stopfen. Oder noch besser: Die Dinge, die zwischen mir und einer guten Freundin stehen und die ich mich doch nicht traue anzusprechen. War da nicht dieser Kerl, mit welchem ich Nächte durchreden und dann plötzlich nicht mal mehr ein „Hallo“ auf der Straße wechseln konnte? Für meine Wut darüber ist sicher noch ein Fitzelchen Platz frei. Dann Bücher drüber. Aus den Augen aus dem Sinn. So einfach geht das.

Wir Menschen haben eine Hass-Liebe-Beziehung zu unseren Problemen. Es gibt zwei Arten von ihnen: Die Probleme, die gar keine sind und die Probleme, die ihrem Namen gerecht werden und uns den Schlaf rauben, insofern wir kein magisches Buchregal, eine chaotische Schublade oder ähnlichen sichtgeschützten Raum besitzen. Die erstere Sorte lieben wir – wir quatschen jeden Tag darüber, jammern uns glücklich und erfreuen uns an der Intensität und Spannung unseres Lebens. Über die zweite Sorte reden wir nicht gerne oder gar nicht. Manchmal nicht mal mit uns selbst. Wieso auch, wenn man es hinter etwas anderem verstecken kann. Aus den Augen aus dem Sinn, richtig?

Nein. Resultat ist nämlich, dass der Inhalt des Regals irgendwann nach Luft schnappt, sich beengt fühlt und nach Freiheit ringt. Die Bücher kippen nach vorne, es entsteht ein wenig Krach und schon liegt uns viele Jahre alter Rümpel zu Füßen. Und jetzt stellt euch den Versuch vor, den riesigen Haufen an Kram, der uns ekelt, den wir nicht vor Augen haben wollen und der viel zu groß ist für den beschränkten Platz unserer Schublade, wieder da reinzustopfen. Für einzelne Stücke findet man immer eine Lücke zum Quetschen, das war einfach. Was aber machen wir jetzt, wo uns die vereinte Kraft dieser verdrängten Objekte gegenübersteht.

Vorbei. Wir hocken uns hin und sortieren. Wir schmeißen weg, was weg muss, falten was Knicke bekommen hat. Reparieren, was Schaden genommen hat, aber zu kostbar ist, um im Müll zu landen. Geduld und Sorgfalt sind gefragt. Und Zeit. Aber so ist das nun mal mit den echten Problemen. Sie benötigen Zeit, die wir nicht haben und Sorgfalt, die wir lieber in andere Dinge stecken.

Trotzdem – wird der Haufen Kram vor dem Regal zu groß, wie sollen wir dann noch an die guten Romane rankommen?

5 thoughts on “Kolumne: Der Schimmelfleck an meiner Wand

  1. Charlie

    Ein seltsames Symbol, finde ich. Ich würde niemals den Schimmelfleck an meiner Wand lassen, das gehört ja schließlich zum Aufräumen dazu.
    Was ich allerdings gut kenne, ist das Phänomen, gerne Probleme breitzutreten, die eigentlich keine sind. Die ernsten Dinge binde ich nicht jedem auf die Nase, allerdings kann ich auch nicht behaupten, welche zu verdrängen, außer man zählt das Aufräumen meines Zimmers dazu. Ich stimme dir da nämlich zu, verdrängen hilft nicht, da man sich früher oder später ohnehin mit seinen Problemen auseinanersetzen muss. Und ich hasse es mit anzusehen, wie Leute ihre Probleme verdrängen, nur um dann am Ende von der Flut an Problemen überwältigt zu werden, die sie aufgeschoben haben. Wenn mich etwas wirklich beschäftigt, dann kann ich gar nicht aufhören, darüber nachzudenken, und will sie aus der Welt geschafft haben.

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  2. Pingback: Monday Update: TDD sucht Gastautoren und verlost ein Coffee Table Book - The Disaster Diary

  3. Lexa

    Eine schöne Methaper. Ich unterstelle dir jetzt einfach mal, dass es nur eine Metapher ist und du nicht wirklich einen Schimmelfleck hinter deinen Büchern versteckst 😉

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  4. Pingback: Das 3-Uhr-Gedankenballett Round-Up - The Disaster Diary

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