Gedankenballett

Die Douglas Kurzgeschichte

Ana - 12. Mai 2016

Es ist gar nicht allzu lange her, als mich ein Gedanke zu tiefst erschütterte, und mich seitdem – bis einschließlich jetzt grade – begleitete. Ein sonniger Samstag vormittag vor rund zwei Wochen, schätze ich. Zusammen mit einer Freundin war ein Shoppingtrip mit Suche nach dem perfekten Abiballkleid angesagt und egal, wie eklig sich dabei meine Nackenhaare aufstellten – die Tatsache, dass wir das Event total scheinheilig „die Suche nach dem perfekten Abiballkleid“ nannten, nahm mir die Furcht davor. Am Vorabend fühlte ich mich wie ein typisches „White Girl“, welches kichernd mit seinen Freundinnen Traumkleider anprobiert… und dann am Abiball den Auftritt ihres Lebens hat. Am besagten Morgen sah ich ein, dass ich bei dem Gedanken an überteuerte Kleider, die an Douglas Verpackungen erinnern, lieber im Bett bleiben wollte. Zumindest aber sahen meine Haare ziemlich in Ordnung aus, in meinem Gammelpulli und der Jeans fühlte ich mich wohl und so war ich einen Sekundenbruchteil entschieden, ungeschminkt und im Wohlfühllook aufzubrechen.

Natürlich kam es anders. Ich stellte mir die Situation vor, in der ich in einer Stunde stecken würde: Mit diesem Outfit (auch wenn ich finde, dass ich toll aussah) bei P&C „Träume“ in Babyrosa und -blau anprobieren und zum Schluss bei Douglas nach einem neuen Contour-Kit schauen. Bei der Vorstellung wurde mir übel, schrecklich mulmig zu Mute. Nachdem ich mich einer knappen Psychoanalyse unterzog, wusste ich auch ganz genau, woran das lag: An den Verkäuferinnen.

Man kann schlichtweg keinen P&C, Douglas, Pieper, Louis Vitton und wie sie sonst noch alle heißen, betreten, ohne von der Mode-und-Style-Polizei abgecheckt zu werden. Ich gehe nicht ohne Make-Up, gemachten Haaren und einem Outfit, was wenigstens ein Accessoire aufweisen kann, in solche Läden, denn meine nun 18 Jahre auf diesem Planeten haben mich gelehrt, dass das Übertreten der Ladenschwelle sonst eine Lawine der Minderwertigkeitsgefühle auslöst. Kaum war mein kleiner Gedankenexkurs in die Zukunft getan, stand ich schon vor meinem Schminktisch und hatte eine Tube Wimperntusche in der Hand.

Klingt alles etwas übertrieben, das macht die Rhetorik. Als ich der erwähnten Freundin von diesem Gedankengang erzählte, nickte sie nur zustimmend. „Man wird angesehen, als gehöre man nicht dazu. Die denken, man könne sich ja eh nichts davon leisten.“ GENAU DAS!, da bin ich zum Glück nicht die Einzige.

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In den nächsten Wochen brachte ich diese Erfahrung bei vielen anderen Freunden zur Sprache. Sie alle teilten mir, ohne Zögern zu müssen, mit, was sie in die Denkblase der Douglasmitarbeiterin einfügen würden.

  • „Mal schauen, was die sich hier kaufen will. Da ist eh nichts mehr zu retten“
  • „Ich bin gespannt, für was sie sich entscheidet. Hat eh keine Ahnung von den ganzen Produkten hier“
  • „Kann die sich das überhaupt leisten?“
  • „Hoffentlich versucht sie hier nichts zu klauen“
  • „Die muss eindeutig noch zu sich selbst finden. Ihr Style geht gar nicht“

Die Tatsache, dass alle meine Freundinnen ein Liedchen davon singen können, zeigt, dass ich wahrscheinlich nicht an übertriebenen Minderwertigkeitsgefühlen und zwanghafter Beschäftigung damit leide, was andere von mir denken. Es ist viel mehr das Vakuum des Stylings, der Perfektion und dem oberflächlichen Image, was beispielhaft in solchen Geschäften herrscht und von jeder von uns so viel zu fordernd scheint. An so vielen Orten fühlt man sich ungestyled nicht mehr gut, man läuft weniger aufrecht, man schaut anderen beim Reden nicht direkt in die Augen und agiert als der unterlegene Teil jedes Gespräches. „GESELLSCHAFT, FUCK YOU“ war meine erste konstruktive Schlussfolgerung.

Doch dann merkte ich, dass mir auch kein Weg einfiel, um solche wertenden und menschenfeindlichen Situationen aus der Welt zu schaffen. Nennt mich Captain Obvious, aber der Mensch ist oberflächlich und wird es immer bleiben. Haben wir schöne, glanzvolle Haare, strahlende Haut und ein uns schmeichelndes Outfit, dann erleben wir den Tag komplett anders. Der Douglas Verkäuferin nicken wir erhobenen Hauptes lächelnd zu. Schließlich sind wir ja heute auch gestyled, wir passen hier rein. Wir laufen aufrechter, schauen anderen beim Reden direkt in die Augen und sind immer der ebenbürtige, wenn nicht sogar überlegene Part des Gesprächs. Die Welt liegt uns zu Füßen. Wie verrückt ist das? Schließlich sind wir die gleiche Person, ob fettiger Krauskopf oder sanfte frisch duftende Locken!

Schon in Pretty Woman wird dieses Phänomen problematisiert, wenn eine nuttige Julia Roberts aus einem Laden verbannt, ihre Schicke-Dame-Version dagegen eifrig bedient wird. In 50 Jahren noch wird man sich diesen Ausschnitt ansehen und bei jeder Frau dieser weiten Industriewelt wird das Déjà-vu einschlagen.

Also, Mädels, was machen wir? Alle ungeschminkt Douglas stürmen oder doch lieber jeden Morgen stylen, die Schwäche der Gesellschaft zu unserer Stärke machen und mit einem perfekten Image die Welt erobern? Sagt es mir, denn ich weiß es nicht.

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9 Comments

  • Marie 12. Mai 2016 at 15:08

    Huhu liebe Ana,

    ich kann gut verstehen, was du schreibst (und übrigens sehr schön formuliert hast :)). Es ist gar nicht lange her, da ging es mir auch so und ich hatte das Gefühl, immer verächtlich angeschaut zu werden, wenn ich mich nicht geschminkt hatte oder nicht sonderlich modisch angezogen war, wenn ich in solchen Geschäften unterwegs war. Ich glaube, dass da das Alter sehr viel mit reinspielt – bei mir hat sich das jedenfalls mit den Jahren gelegt und es ist mir schlichtweg egal. Sollen diese Verkäuferin denken, was sie wollen – sie kennen mich nicht, und das müssen sie auch nicht. Ich weiß, wer ich bin und wie ich aussehe, das ist doch letztlich alles, was zählt.

    Inzwischen habe ich da also so eine ziemliche Scheiß-Egal-Stimmung und blende solche Blicke aus (manchmal ist das natürlich schwieriger, manchmal einfacher, das ist klar).

    Letztlich sollte man das tun, was einem selbst gefällt und wenn man sich in Schlabberklamotten an diesem Tag am wohlsten fühlt, dann los, go on! Meistens denken die Menschen weniger schlecht von einem, als man denkt.

    Hast du denn eigentlich ein hübsches Kleid gefunden?:)

    Alles Liebe,
    Marie

    Reply
    • Ana 16. Mai 2016 at 11:25

      Hey Marie,
      so eine Einstellung ist super und ich bin mir sicher, dass das Alter da eine große Rolle spielt! Das beobachte ich auch an meiner Mama die nur ein verächtliches ‚Pff‘ für solche Blicke nötig hat.
      Was aber wahrscheinlich nie gehen wird, ist, dass der Tag von mir selber ganz anders wahrgenommen wird, wenn ich gut aussehe als wenn ich gammelig durch die Stadt schlendere. 😉

      Nein leider noch nicht, aber das wird noch!
      xx Ana

      Reply
  • herzballon 12. Mai 2016 at 19:19

    Oh Ana, das Problem kenne ich nur zu gut. Dieses werten aufgrund von Kleidung und von Produkten, die einer hat, ist nirgends so vertreten wie in Läden a la Douglas. Bei uns in der Stadt gibt es ein Lederwarengeschäft. Die Taschen, die man dort erwerben kann, sind natürlich etwas teurer. Als Jugendlicher oder junger Erwachsener wird man dort sehr kritisch beäugt. Als sie allerdings meine, doch etwas teurere Uhr sahen, waren diese Blicke vorbei. Ich finde das super ätzend. Man kann doch nicht jeden Tag super gestylt sein und was gibt den Menschen das Recht, jemanden kritisch zu beäugen, der eventuell sein gesamtes Taschengeld gespart hat, um sich dort ein Produkt leisten zu können. Das macht den Kunden ja nicht weniger wertvoll und den Menschen erst recht nicht!

    Anneke ♥

    Reply
    • Ana 16. Mai 2016 at 11:26

      Total bescheuert sowas! Ich mag das gar nicht – wie du schon sagst, es ist trotzdem ein Kunde und auch wenn es nicht um Profit geht, muss jeder gut behandelt werden. 🙂

      Reply
  • Twineety 13. Mai 2016 at 11:06

    Hallo!

    Du hast einen sehr schönen Text geschrieben, der sehr inspirierend ist.
    Ich stimme meiner Vorvorrednerin zu was das Alter angeht. Solche Gedanken sind sicher sehr altersabhängig und dann achtet man auch noch mehr auf das Bild das andere von einem haben.
    Das Kleider Leute machen und das Selbstwertgefühl automatisch steigt wenn man sich schön zurecht macht, ist psychologisch betrachtet ein sehr interessantes Thema. Dafür gibt es garantiert irgendein hochtrabendes Fachwort.
    Ich denke nicht das wir jetzt ungeschminkt Douglas stürmen oder nur noch top gestylt vor die Tür gehen müssen. 😉 Solange man einfach darüber steht, einem Blicke usw. nichts ausmachen und man sich selbst treu bleibt, ist das Thema eigentlich automatisch vom Tisch.
    Ich verrate mal einen Trick, der eigentlich keiner ist: das Stichwort hier ist Visualisierung.
    Wenn man sich chic macht hat man ein anderes Selbstbild von sich im Kopf, als wenn man sich irgendwo in Schlabberklamotten wirft und nur rumlungern möchte. Man ist natürlich die selbe Person, aber die innere Einstellung ist eine andere. Wenn ich jetzt also mit meinen Schlabberklamotten in Douglas reinspazieren will und innerlich nicht so verfestigt bin, das mir das Urteil der Verkäuferinnen nichts ausmacht, muss ich meine innere Einstellung ändern. Das kann man auf vielfältige Weise tun, z.B. in dem ich visualisiere das die Schlabberklamotten gar keine sind, sondern ich total chic aufgetackelt bin. Wenn ich es schaffe mir das selbst zu glauben, kann ich den Laden betreten wie eine Königin (aus Schlabberlookland). 😉
    Ich denke das jeder solche Situationen gut kennt. Schließlich wird man ja überall beurteilt und das passiert nun einmal immer zuerst über das Aussehen und Auftreten.

    Viele Grüße
    Twineety

    Reply
    • Ana 16. Mai 2016 at 11:27

      Ja so ist das – Aussehen und Image macht unglaublich viel aus!
      Freut mich, dass dir der Beitrag gefällt, finde das Thema auch unglaublich spannend 😉

      Reply
  • Belli 14. Mai 2016 at 09:12

    Sehr sehr schöner Post! Ich kenne das nur zu gut und empfinde es manchmal als ziemlich verunsichernd.

    Ich mag deine Beiträge sehr gern und werde gleich mal Leser:) Schau doch auch mal bei mir vorbei!

    Liebe Grüße,
    Belli
    http://belli-sweetlikesugar.blogspot.de/

    Reply
    • Ana 16. Mai 2016 at 11:28

      Hey Belli,
      danke für deinen lieben Kommentar!
      xx Ana

      Reply
  • Stefanie 16. Mai 2016 at 12:12

    Huhu liebe Ana 🙂
    Ich bin gerade auf deinen Artikel gestoßen und finde ihn sehr interessant. Einerseits erkenne ich mich darin wieder, wenn du sagst, wenn ich mich nicht style, habe ich das Gefühl, dass mich alle anstarren und verurteilen.
    Andererseits arbeite ich bei P&C und kann zumindest von dem Laden und von den meisten meiner Kolleginnen sagen, dass wir definitiv nicht Kunden scheiße angucken 😀 Klar gibt es da immer ne Ausnahme, aber die meisten von uns sind eigentlich ganz lieb 😛
    Und da muss ich immer an eine Situation denken – ich war mit meinem Papa in Berlin im KaDeWe, einfach mal zum Gucken und die Verkäufer haben mich gefühlt alle so arrogant angeguckt. Mein Vater meinte dann aber, dass sie dazu im Prinzip keinen Grund haben, denn sie sind „nur“ Verkäufer und ich studiere immerhin. Das hört sich jetzt total von oben herab an und so ist es absolut nicht gemeint. Damit will ich nur sagen, wenn mich jetzt jemand herablassend anguckt, denke ich mir insgeheim „Fuck you“ und versuche so irgendwie mein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen 😀
    Okay, genug gelabert 😛 Ich wünsche dir noch einen schönen Tag 🙂
    Alles Liebe,
    Stefanie

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