Fair Fashion für Anfänger*

Ana - 27. Mai 2019

Hi hi, ihr Lieben! Vor fast genau zwei Jahren ist dieser Beitrag auf The Disaster Diary erschienen: Selbstversuch: Ein halbes Jahr nur Second HandDie Betonung liegt auf „nur“, die Formulierung impliziert, dass es sich um eine Challenge handelt. Eine Herausforderung. Ganz oder gar nicht, radikal und… schwierig. So war es auch. Ich habe etwa zwei Monate durchgehalten, ehe ich mir was bei H&M geholt habe. Irgendein Basic-Teil, was ich brauchte. Da hatte ich keine Lust erst tagelang durch Thriftshops und Kleiderkreisel zu wühlen. Bequemlichkeit ist direkt nach Unwissen wahrscheinlich der bedeutsamste Grund dafür, dass die meisten Konsumenten unkritisch den Fast Fashion Markt ankurbeln.

Psychologisch bin ich nicht gemacht für radikale Methoden und so scheiterten komplette Cut-out-Vorhaben in der Vergangenheit. Dennoch hat sich mir mit diesem Vorhaben damals eine Idee, ein Alternativkonzept meines Konsums in den Kopf gesetzt. Den „Soll-Zustand“ hatte ich visualisiert… unabhängig davon, dass der „Ist“-Zustand noch weit davon entfernt lag. Meine Einkäufe bei Zara veränderten sich. Als ich in Bristol lebte und Zugang zu den tollsten Thriftshops hatte, wurde Second Hand erstmalig zu einer realistischen Option. Kaum hatte ich meine ersten Wunderteile ergattert, war ich komplett drauf – auf einem nachhaltigen Shopping-High. Thrifting ist harte Arbeit, es ist regelmäßiges Kleiderstangen-Gewühle, es ist Gegoogele nach Marken, die man mag, sich neu aber nicht leisten kann. Und dann Freude, ein ausgefeilterer und individuellerer Style und eine Wohltat für den Geldbeutel, wenn man ein Teil eben solcher Brands dort endlich hängen sieht. Für 20% des Originalpreises. Nachhaltige Freude.

Vielleicht klingt das für den einen oder anderen wie ein Alternativkonzept, was man im eigenen Leben verankern will. Und vielleicht steht der eine oder andere genau da wo ich stand: In der Theorie eine gute Idee, in der Praxis umgeben von einem stressigen Alltag und Fast Fashion Store Ketten, die einem Bequemlichkeit zum kleinen Preis anbieten. ABER, mit etwas Übung und Geduld kann man seinen Konsum umstellen. WIE? Dazu findet ihr im Folgenden einige Tipps und Erkenntnisse, die euch Faire Mode (und zwar über Second Hand hinaus) schmackhaft machen und den Zugang zu diesem Kleidermarkt erleichtern sollen. Wer Ergänzungen hat: Bitte her damit.

Take it Easy

Setzt man sich viel mit den Folgen von Fast Fashion auseinander (wie etwa dem Produzieren von unnötigen Müllbergen, der Unterstützung eines krankhaften Konsumlebensstils, dem Verbrauch von endlichen Ressourcen oder den unmenschlichen, ja schon kriminellen, Arbeitsbedingungen in zentralen Produktionsstätten), dann kann da schnell Wut entstehen. Die einzige „richtige“ Handlungsoption scheint 100%-iger Boykott zu sein. Dieser bedeutet jedoch eine Lebensumstellung, die Zeit und Mühe beansprucht. In stressigen Zeiten kann dafür einfach der Platz im Leben fehlen. Löse dich vom Schwarz-Weiß denken, dir zuliebe. Du bist nicht entweder für Nachhaltige Mode oder dagegen. Mit

  • jedem Nein zu einem Fast-Fashion-Einkauf (oder überstürztem Einkauf jeglicher Art),
  • jeder Reparatur eines Makels in einem Kleidungsstück, was du bereits besitzt,
  • jeder Entscheidung, wenn in neue, dann in fair produzierte Kleidung zu investieren
  •  oder etwas Second Hand zu kaufen,

beeinflusst Du die Modewelt. Das ist wertvoll! Gehe so weit Du kannst. Gib Dir Monate, vielleicht sogar Jahre, in denen Du die Möglichkeiten in Deiner Stadt und Online entdeckst und Dir vor allem deiner persönlichen Möglichkeiten und Grenzen, was Konsum, Modeliebe und Gewohnheiten angeht, bewusst wirst. Jeder Schritt zählt und Veränderungen dürfen auch Spaß machen.

Sage Ciao zur Konsum-Lisa

Schau dich um und werde Dir bewusst, wie überflüssiger Konsum aussieht, und wo er überall versteckt ist. Schreibe eine Liste, beobachte Dein eigenes Kaufverhalten und auch dein Wegwerfverhalten. Komm klar! Nicht jeder Weg in die Innenstadt muss damit ausgehen, dass Du mit neuem Besitz nach Hause kommst. Du brauchst nicht jede Woche ein neues Kleidungsstück. Egal, wie sehr du Mode liebst. (Auch kein neues Buch. Egal, wie sehr du Bücher liebst. (Stadtbücherei!!!)) Egal, wie viel Geld Du übrig hast. Überfluss beginnt im Kopf, wird schnell zur Normalität, wenn wir ihn nicht überdenken. Überfluss führt zu mehr Überfluss. Konsum nimmt so viel Raum im Kopf und in deiner Wohnung ein, dass Raum für Demut, Dankbarkeit, Minimalismus fehlt. Genau wie für Kreativität. Es ist nicht schwierig, aus 1000 Kleiderstücken 1000 Outfits zu entwerfen. Wie viel kannst Du aus 50 Teilen machen? Aus 30? Aus 10? Auch wenn Du oft „Ich habe gar nichts zum Anziehen!“ denkst. Denk nochmal. Probier’s mal.

Qualität statt Quantität

Schraubst Du Deinen Konsum runter (natürlich nur, wenn er nicht schon minimalistisch ist), dann ist da mehr Geld und Platz und auch Zeit zum Aussuchen von hoch qualitativen Teilen. Informier Dich über Stoffe, Marken, Schnitte, die Du wirklich willst. Wenn Dir Mode wichtig ist, dann investiere ruhig. Dann aber in Mode fairer Marken oder in Second Hand. Denn die Qualität eines Kleidungsstücks wird genauso durch die Begleiterscheinungen der Produktion bestimmt wie durch den Stoff, das Aussehen und das Gefühl, wenn du es trägst. Auch der Leitspruch „Qualität statt Quantität“ beginnt im Kopf: Schaffe Dir ein hoch ästhetisches, gut designtes Umfeld, welches von hoher Qualität und guten Werten geprägt ist.

Erkunde Deine Shopping-Möglichkeiten und leg los

Der Weg von Mindset zu Verhalten kann steinig sein: Vor allem, wenn man sich erst an eine völlig neue Art des Shoppens gewöhnen und herausfinden muss, wo mans gerne tut. Möchtest Du lieber thriften als fair neu zu kaufen, dann recherchiere Second Hand Shops in Deiner Stadt. Es wird Ramsch dabei sein. Ökomuff. Aber dann weißt Du schonmal, wo Du nicht nochmal hingehst. Und entdeckst vielleicht einen Laden, der Dir gefällt. Vielleicht auch direkt schon ein gutes Teil. Fair Fashion Stores (also die, die nicht getragene, aber neue fair produzierte Mode verkaufen) erschrecken den einen oder anderen vielleicht mit höheren Preisen als man es von Zara und H&M gewohnt ist. Führe Dir vor Augen, warum der Preis aufgrund der Produktion teurer sein MUSS (z.B. durch die Erhöhung der Löhne von weniger als 10 Cent pro Stunde auf einen berechneten Mindestlohn, der gewährleistet, dass man in der Region gut leben kann.) Denke ebenfalls an Fast Fashion Brands, die die Preise ihrer Kleidung TROTZ menschenunwürdiger Produktionsbedingungen sehr hoch halten. Dieser Punkt ist für mich unglaublich überzeugend: Alle beschweren sich über H&M, Zara und ALDI-Kleidung, vergessen aber, dass auch ein Einkauf bei Nike, Chanel, Gucci die gleiche Industrie unterstützt, hier aber Menschen als Konsumenten tätig sind, die eindeutig nicht auf günstige Kleidung angewiesen sind und ihr Kleidungsbudget auch in faire Brands investieren können.

Apropos Thrifting im WWW

Bei Kleiderkreisel habe ich in Deutschland die meisten meiner Second Hand Stücke erworben. Von einfachen H&M Chelsea Boots, über einen Kaschmirpullover bis zu einer Liebeskind-Tasche war bisher verschiedenes dabei. Interessant ist vielleicht, dass ich nur Kleidung erwerbe, die der Kategorie „Neu mit Etikett“ bis „Sehr gut“ angehört. Bis auf einen halben Fehlgriff war ich bisher ziemlich glücklich. Auch zum Verhandeln kann ich nur Auffordern: Mischt das Ganze mal etwas auf mit Bazarkultur. Ebenfalls gefällt mir an Kleiderkreisel, dass man die Kleidung nicht zurückschicken kann! Das zwingt für Bewusstsein beim Kaufen und guter Überlegung, ob man das Teil nun wirklich bestellen will. Bekannte Onlinehändler wie Zalando, Amazon und Otto warfen einen Großteil der Retouren direkt weg, da dies günstiger ist, als die Qualitätsprüfung der zurückgesandten Produkte. Da sieht man: Der Fast Fashion Welt ist Kleidung (und damit verbundene Ressourcen) nichts Wert – das können wir mit einer Gegenbewegung ändern, die jedem Kleidungsstück mehr Bedeutung beimisst.

Fair Fashion Events

Erfahrungsgemäß sind besondere Events die einfachste Option für Einsteiger. Bei großen Mädchenflohmärkten oder Thrifting-Events von Cafés und Clean Clothes Organisationen ist das Publikum größtenteils Second-Hand-Unerfahren. Auch ähnelt die Kleidung, die dort üblicherweise verkauft wird, dem was man bei H&M und Zara zu Gesicht bekommt. Ein verstaubter Vintage-Laden mit komplett ausgefallenen Stücken wirkt auf Anfänger vielleicht abschreckend (so war es bei mir… nach einigen Second Hand Erfolgserlebnissen traute ich mich auch wieder in bewährte Vintage Läden). Erst letzte Woche habe ich bei Teilchen und Beschleuniger in Münster einen langen Cadigan mit dicken Knöpfen erhandelt (war mächtig stolz auf meine Skills! Hab’s direkt in meine Instagram-Story geladen). Es gab Getränke und echt nette Menschen. Hab gefragt, ob nächste Mal auch Gäste verkaufen können und die junge Frau meinte, sie versuche das durchzusetzen. Thrifting verbindet (Shoutout an Laura :-)).

Neue Kleidung kann auch Fair/Conscious/Nachhaltig sein

Meine Fair Fashion Reise verläuft stark auf dem Second Hand Pfad, was sowohl meine Vorliebe für die Thrifting-Kultur als auch meine finanzielle Lage widerspiegelt. ABER: Auch wenn Dir Thrifting zu zeitaufwendig ist oder Du einfach lieber Kleidung neu kaufen willst: Auch Du kannst mit deinem Geldschein die Modewelt nachhaltiger machen. So tauchen immer mehr Modelabels auf, die unter fairen Bedingungen produzieren (d.h. zunächst, dass sie alle Beteiligten im Produktionsprozess fair vergüten und auf Standards der Arbeitssicherheit achten!). Viele davon achten zusätzlich auch auf den Umweltimpact und versuchen den Produktionsprozess umweltunschädlicher zu gestalten. Vor zwei Jahren haben mich alle meine Recherchen zu Online Stores geführt, die nicht unbedingt mein Vibe waren (auch einer der Gründe, dass ich mich mehr auf Second Hand fokussierte). Deshalb freue ich mich umso mehr, dass nun auch das Modehaus Peek&Cloppenburg DE nachhaltige Marken wie z.B. Armed Angels führt. Auf der Website findet ihr mehr Informationen zu Nachhaltigkeit bei P&C. (Es gibt zwei unabhängige Unternehmen Peek & Cloppenburg mit ihren Hauptsitzen in Düsseldorf und Hamburg. Dieser Artikel beruht auf einer Kooperation mit der Peek & Cloppenburg KG, Düsseldorf, deren Häuserstandorte ihr unter www.peek-cloppenburg.de findet.) Ihr könnt online schauen oder auch ins Geschäft und euch beraten lassen. Wie auch immer ihr es angeht, es geht! Your dollar is your vote – Politik und Weltverbessern kann beim Kleiderkauf anfangen.

Mehr? 

Hier findest Du eine Reihe von Links, mit denen Du dich vertiefter mit dem Thema Nachhaltige Mode beschäftigen kannst. Schau sie Dir jetzt an, nächste Woche, oder erstmal gar nicht und arbeite mit den Punkten, die Du oben nachlesen konntest. Take your time, babysteps reichen, aber gerne in die richtige Richtung.

*dieser Artikel ist in Kooperation mit Peek & Cloppenburg KG, Düsseldorf entstanden. Trotz der bezahlten Werbung habe ich dieses Thema (wie es sein sollte!), welches mir sehr am Herzen liegt, transparent und ehrlich diskutiert.

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