Familie (2017)

Ana - 15. September 2017

 

Einfach nur weg, weg, weg, schrie ich
all die Jahre in mich hinein
Tag ein Tag aus dasselbe Sein.
18 Jahre alte Tapete umgibt mich.

Ich brauche was Neues,
was Größeres…
Nein, was Entferntes!
Eigentlich gar nichts konkret Bestimmtes.
Einen Ort, an dem niemand weiß wer ich war,
bevor ich zu dem wurde, von dem ich glaube, dass ich es bin.
Alles Schlechte schieb ich ohne Sinn
völlig undankbar
auf die Stadt, in der ich aufwuchs.

Papierkram check –
Ich bin bereit
für das Abenteuer Unabhängigkeit.
Auf Niemanden Verlassen ist mein Mantra
ab jetzt nennt mich Queen B et cetera.
Sie fragen, wann ich sie besuchen komme?
Ich antworte in meiner neuen
selbstbestimmten
unabhängigen
Business-Girl-Stimme:
„Ich will mich noch nicht festlegen,
Ich habe viel zu tun“

Die Zeit vergeht, ich tue viel
gefangen in Planung, mit konkretem Ziel.
Doch plötzlich holt mich etwas ein
einen Morgen geht nichts mehr
ich sehe ein,
dass Heimweh genau wie
Liebeskummer, Fernweh und der Rest
in echt viel schlimmer ist als auf Pinterest.

Ich möchte nicht mehr aushalten, ich möchte nicht mehr
nicht weinen, nicht jammern, nicht zögern und nicht schreien.
Eigentlich nur barfuß in eine beheizte Küche tapern
die Selbstkontrolle kapern
und die drei Gesichter volllabern
von Dingen, die man eh nicht ändern kann.
Die To-Jammer-Liste ist lang.
Ich verdiene Applaus
für die tausend unglücklichen Metaphern, die mir einfallen.
Schieße über das Ziel hinaus.
Sage,
ich fühle mich wie ein Ungeziefer,
wie ein Verurteilter auf der Richterbank des Lebens.
Meine Schultern sacken tiefer.
Ab und an ein melancholisches Kafka-Zitat –
sein egoistischer Weltschmerz vermischt sich mit meinem.

Und wer kriegt ihn ab?
Die drei Personen in der beheizten Küche.
Sie drücken mir dumme Sprüche.
Schütteln am Ende meines Monologs
wenn ich dabei bin Luft zu holen,
mich zu erholen
für den nächsten Schwall,
den Kopf
und sagen mir wie oft,
dass ich ein echtes Problem habe.

Aber sie sind da
und machen mir Kaffee.
Es gibt Toffifee
und Ratschläge:
Tu nicht so viel,
der Weg ist das Ziel,
Unabhängigkeit hat Grenzen,
der Mensch braucht Menschen –
sogar du.
Und der Mensch braucht eine Heimat.

Vielleicht war der Entschluss zu gehen, der Schlüssel sie zu finden.
„Ich habe Heimweh und ich weiß nicht wonach“,
las ich mal.
Jetzt weiß ich es: hiernach.

Nach
dem Gefühl von Abhängigkeit,
dem Rauschen von 24h Streit,
von lauten Diskussionen, von freien Gedanken,
die sich nicht um das Image,
um ein Wort zu viel ranken.
Denn geliebt werde ich hier ohne Bedingungen.
Keine Notwendigkeit von Übereinstimmungen.

„Man kann sich seine Familie nicht aussuchen“,
las ich auch mal.
Vielleicht macht Familie nur deshalb so viel Sinn.

Versteht mich nicht falsch.
Ich bin Individualist.
Ich steh auf Progression.
Zu weichgekocht ist Mist.
Zähne zusammenbeißen, sag ich immer,
Chancen schaffen, hart arbeiten,
das tun die Gewinner.
Wenn Menschen mir wehtun,
brauch ich sie nicht
Ich mache dicht.

Doch der Mensch ist ab und zu die Ausnahme seiner Regel.
Zu viel Druck, zu viel Drive
nimmt auf lange Zeit
nur den Wind aus den Segeln.

Zwischen Wahlfreiheit und endlosen Chancen
sind also der Fels in der Brandung,
Arme offen für meine Bruchlandung,
nach zu vielen Tagen in meinem neuen Leben, dieser neuen Stadt,
komischerweise
logischerweise?
die, die man sich nicht ausgesucht hat.

Beitragsbild: Unsplash,com/Ryan Riggins

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4 Comments

  • Tabea 16. September 2017 at 17:17

    Also ich bin ja echt kein Freund von Gedichten, aber dieses hier ist schön zu lesen – und der Inhalt gefällt mir sogar noch besser.

    Erst durch meinen Auszug von Zuhause habe ich richtig gemerkt, wie wichtig mir meine Schwester und meine Mama als „Auffangort“ sind. Wenn mir alles zu viel wird, kann ich mich da immer ausheulen und werde in den Arm genommen. Das bedeutet mir inzwischen unheimlich viel 🙂

    Liebe Grüße

    Reply
    • Tabea 16. September 2017 at 17:18

      P.S.: Der Link zu deinem Twitter-Profil geht nicht, Ana 🙁

      Reply
      • Ana 17. September 2017 at 12:04

        Hey Tabea!
        Danke! 🙂 Wahrscheinlich kann man das generell nur verstehen, wenn man mal Herz über Kopf ausgezogen ist.
        Den Link zu Twitter habe ich jetzt mal entfernt – habe nämlich keinen Twitter Account mehr. Aber danke, für deinen Hinweis!!!

        Liebe Grüße, Ana

        Reply
  • herzballon 18. September 2017 at 09:51

    Ich hatte schon immer eine sehr enge Verbindung zu meiner Familie. Besonders zu meiner jüngeren Schwester, die eine meiner besten Freundinnen ist. Trotzdem haben sie mir auf Klassenfahrten und während des Urlaubs mit Freunden nie gefehlt. Jetzt wo ich woanders lebe als sie, fällt mir das erst mal wieder so richtig auf, wenn ich sie einen Monat nicht gesehen habe.

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