Filmkulturliebe und bewusster Konsum

Ana - 6. November 2018

Hi, meine Lieben. Der Herbst ist nun kaum zu über-fühlen und zeigt mir seit etwa zwei Wochen seine eklige Seite: Peitschender Wind, arschkalter Nieselregen und ein Himmel in nur einer Shade of Grey: Depressionsgrau (oder so). Während ich hier in England jeden Tag so glücklich darüber war, das Haus zu verlassen und die Stadt zu erkunden, kalkuliere ich nun sehr präzise, ob sich der Gang nach Draußen mit seinen verbundenen Risiken, aber auch den möglich Benefits, lohnt. Manchmal kommt mir ein Abend mit einem neuen Film oder einer neuen Serie halt gewinnbringender vor. In meinem letzten Weekly Log habe ich darüber schon geschrieben: Ich liebe Filmkultur. Und glaube, dass man – solange man sich nicht Sinnloses passiv reinzieht – von bewusstem Konsum profitieren kann: Durch neue Ideen und Perspektiven, indem man sich überlegt, was sich die Verantwortlichen gedacht haben, und wie sie es umgesetzt haben.

Die Betonung liegt auf bewusst. Dazu gehört es, die Auswahl der Filme/Serien, den Sinn (warum lege ich mich jetzt ins Bett und mache einen Film an?) und ebenso die Plattform zu überdenken. Ich hatte lange Zeit Amazon Prime UND Netflix abonniert, was sich vor einigen Wochen geändert hat. Ein Netflix-Abo ist günstig, addiert man es auf ein Jahr auf, dann kommt schon eine kleine Summe zusammen. Das Schwierige bei Abos – finde ich zumindest – ist, dass man die innere Verpflichtung spürt, sie oft zu nutzen, da man bereits dafür bezahlt hat und das nicht umsonst sein soll. Logisch.

Bei Fitnessstudio-Mitgliedschaften führt das vielleicht zu wünschenswerten Konsequenzen. Möglichst viel Zeit vor dem Laptop zu hocken, sich Serien reinzusuchten und nichts Produktives zu schaffen, ist weniger erstrebenswert. Ein Abonnement bei einem Streaminganbieter ist daher nicht unbedingt die beste Basis, wenn man seinen Bewegtbildkonsum bewusst halten will. Daher habe ich Netflix gekündigt und möchte – sollte ein Film oder eine Serie mein Interesse besonders geweckt haben, diesen über Chili sehen – ein Streamingdienstanbieter, den man ohne Abo nutzen kann.

Das war mein Exkurs über meinen (ich hoffe doch) bewussten Umgang mit meiner Filmliebe. Ich bin sehr gespannt, wie ihr Filme und Serien konsumiert und welche Tipps für einen bewussten Konsum ihr mir ans Herz legen könnt. Vorher kommt allerdings noch eine Empfehlung meinerseits. Es ist schon etwas Zeit seit meiner offiziellen Film-& Serien-Sammelrezension vergangen, weshalb es an der Zeit wird gesammelt über einige Produktionen zu berichten, die mir in Erinnerung geblieben sind.

Nymphomaniac

Ein eingeschränkter Filmtipp. Nicht, weil ich diesen Zweiteiler nur eingeschränkt gut fand, sondern weil er definitiv nicht für eine breite Zielgruppe gemacht ist. Ein Interesse für Leben abseits der Norm ist zwingend erforderlich; und zwar eines, welches ohne Judgement auskommt. Eine gewisse Offenheit, was die Darstellung von Sexualität angeht ebenso. Erfüllt ihr diese Kriterien, dann lasst die Geschichte der „Nymphomanin“ Joe (in Anführungsstrichen, da dieser Begriff keine einheitliche und auch keine klinische Definition trägt) auf euch wirken. In meinen Augen ein Seiltanz zwischen ästhetisch und grotesk, dezent und extravagant, der in starken Bildern zeigt, wie Sex eine Copingstrategie für Situationen des gesamten Lebens sein kann.

Mängelexemplar

Mängelexemplar zeigt, wie Angststörungen und Depressionen (eine der prävalentesten psychischen Störungen) auch aussehen können. Es ist schade, dass psychische Störungen so stigmatisiert sind und die meisten sich bei diesem Thema nur von einem fehlerhaften Stereotyp zum nächsten hangeln. Es geht um Caro, die einerseits extrem unter ihren „Mängeln“ leidet, andererseits  mit ihrer abhängigen, fordernden, negativen und höchst launischen Art ihr Umfeld extrem leiden lässt. Der Film handelt nicht ausschließlich von psychische Störungen, sondern von dem Leben, das einen übermannt, wenn man alles Komplizierte zu lange unter den Teppich kehrt. Es geht um das Verhältnis zu Eltern, die einem scheiß Gene vererbt haben, das eigene Bedürfnis nach Kontrolle und das Brauchen von Anderen, um mit sich selbst klarzukommen. Hab den Film sehr gern geschaut – obwohl (- oder in meinem Fall eher – vor allem, da) es eine deutsche Produktion ist.

Dietland

Diese „Amazon“-Produktion wurde in online-feministischen Kreisen ziemlich gefeiert. Zunächst auch von mir. Es geht um Alicia, die aufgrund ihres Gewichts „Plum“ genannt wird und als Ghostwritern für ein Frauenmagazin schreibt. Plum spricht über ihr Leben als wäre es ein Teufelskreis – sie besucht täglich ausschließlich dieselben drei Orte und ist seit Jahren nonstop auf auf einen Gewichtsverlust fokussiert, den sie nicht erreicht. Ihr gegenüber steht ihre schlanke Chefin, welche von Männern begehrt wird und durch Plums gute Arbeit in der Öffentlichkeit als sehr erfolgreich wahrgenommen wird. Die Geschichte nimmt schnell an Fahrt auf, bietet zwei Frauenorganisationen eine Bühne, die sich in der Radikalität ihrer Maßnahmen stark unterscheiden und doch beide die gleiche Absicht verfolgen: Auf sexualisierte Gewalt gegen Frauen zu reagieren.

Es ist einige Zeit vergangen seit ich „Dietland“ zum ersten Mal gesehen habe – genug Zeit, um meine Meinung wiederholt zu verändern. Zwei Punkte würde ich gerne ansprechen:

  1. Ich fand und finde ich die Ideen zum Thema Selbstjustiz ziemlich interessant: Auf der eine Seite gibt es berechtigte Gründe, warum die Urteilsbildung über eine Straftat und die Festlegung der Strafe dem Staat überlassen wird. Ich glaube, bei John Locke die Befürchtung gelesen zu haben, dass Betroffene im Zuge ihrer selbst ausgeübten Vergeltung das Ausmaß der „verdienten“ Straße maßlos überschätzen würden. Auf der anderen Seite präsentiert Dietland eine Situation, in der das Rechtssystem versagt: Männer in hohen Positionen kommen mit sexueller Misshandlung und Belästigung davon, weil sie die richtigen Anwälte bezahlen können oder weil ihre Opfer vermeiden wollen, durch eine Anzeige ihre eigenen Karrieren zu gefährden. Ob die Realität genauso aussieht, wie die Darstellungen in Dietland, vermag ich nicht zu beurteilen. Fakt ist aber, dass die Aussage „Selbstjustiz geht einfach nicht“ (wie einer meiner Freunde plump in einer Diskussion in den Raum warf) kein Argument ist. Es gibt eine Erklärung dahinter, warum Selbstjustiz mit unserem Rechtssystem nicht vereinbar ist. Damit diese ihr Standbein nicht verliert, muss sich das Rechtssystem darum kümmern, Betroffenen mit Respekt zu begegnen und begangene Straftaten Ernst zu nehmen.
  2. Neben dem „Gewalt gegen Frauen“-Thema, geht es auch sehr viel um Körperbild, Gewicht und den Anspruch an Frauen, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen. Ganz amüsant wird das hier mit der „Bangability Theory“ erläutert, die postuliert, dass die Aufgabe einer jeden Frau darin bestünde, von Männern „gebangt“ werden zu wollen. Auf der einen Seite verstehe ich genau, woher diese Aussage kommt; auf der anderen Seite finde ich es unglaublich schwierig, ein unsichtbares Konstrukt namens „Gesellschaft“ dafür verantwortlich zu machen, dass wir Frauen unsere Körper hassen. BTW ich kenne viele Männer, die selbst mit Selbstzweifeln geplagt sind, weil sie nicht aussehen wie das stereotypische Calvin Klein Model. Schönheitsideale wird es immer geben (Ästhetik hat eine subjektive, aber auch eine objektive Komponente, was darin sichtbar wird, das gewisse Menschen/Eigenschaften etc. von überdurchschnittlich vielen Menschen präferiert werden); es liegt an uns und unserer Erziehung zu vermitteln, dass wir nicht existieren, um von allen als schön empfunden zu werden. Man kann sich von dem engen und ungesunden Gedankengut befreien und braucht dafür nicht die Modeindustrie in Grund und Asche zu brennen. Traurig finde ich, dass in der Serie Frauen, die sich viel um ihr Äußeres kümmern und von der Öffentlichkeit als attraktiv empfunden werden, als die Feinde der feministischen Bewegung dargestellt werden. „Liebe Kitty, wer ist mehr unterdrückt, eine Frau, die von Kopf bis Fuß in eine Burka gehüllt ist, oder eines der Bikini-Models auf dem Cover Ihres Magazins?“ Präsentiert wird diese Frage rhetorisch. Als sei es klar, dass das nur das Bikini-Model das sein kann, die sich vor der nächsten Fashionshow mit Saftkuren quält. Meine Antwort ist allerdings: „Kommt ganz drauf an.“ Sowohl religiöse Identität, als auch Erfolg mit dem Aussehen des eigenen Körpers können Lebensinhalte sein, die Menschen erfüllen. Es stellt eine absolute Anmaßung dar, von außen die Freiheit eines Menschen zu beurteilen. Dazu kommt, dass nicht zwei Menschen, sondern nur zwei Merkmale verglichen werden – für einen zulässigen Vergleich benötigt man mehr Informationen über die zu beurteilenden Personen.

To cut a long story, short: Dietland äußert berechtigte Kritik mit Mitteln, die schockieren, dramaturgisch jedoch gut platziert sind. Die Wut über das Thema Gewalt gegen Frauen schwappt dann allerdings auf alle anderen behandelten Themen über, wo sie zu nichts Konstruktivem verarbeitet wird – die Welt ist Schwarz und Weiß in Dietland.

Bad Banks

Kann ich Leuten empfehlen, die sich für das Bankgeschäft interessieren, und all jenen, die davon gar keine Ahnung haben. Also im Grunde: ALLEN. Eine deutsche Produktion, die mein Herz für europäische Verfilmungen höher hat schlagen lassen. An alle Kritiker: Es ist nicht schlecht gespielt, nur endlich mal authentisch! Es geht um die junge Investmentbankerin Jana Liekam, die im Laufe der sechs Folgen versteht, dass ihr Job ein Spiel ist, … und wie man es richtig spielt. Die Serie vermittelt, wie wahnsinnig abstrakt und komplex das Wirtschaftssystem ist und was Investmentbanker „da oben“ eigentlich machen: Zocken! Aber nicht nur mit ihrem eigenen Geld.

New Girl

„New Girl“ ist mein Comfort Blanket. Der Schokokuchen mit flüssigem Kern unter den Serien. Anschauen, wenn der Tag einfach nicht das machen will, was man von ihm möchte.

Good Girls Revolt

Hippies, New York und eine Redaktion anfangs der 70er Jahre. Good Girls Revolt hat einfach Charme. Und eine Message, die die Frauenrechtsbewegung vertritt, für die ich einstehen will. Außerdem bietet die Amazon-Produktion einfach eine gute Unterhaltung… und wird leider trotz auffallender Beliebtheit nicht fortgeführt. Übrigens: Das ist schon das zweite Mal, dass ich die Serie gesehen habe. Meine Gedanken nach dem ersten Schauen könnt ihr in dieser Rezension lesen.

American Vandal

Crazy Shit ist das. Diese Serie ist zu obskur, als dass ich hier einen ernsten Text darüber schreiben könnte, warum ich sie empfehlen kann. Ein ganz schwummriger, aber so guter Humor – probiert es einfach aus.

Welche Serien und Filme sind euch in Erinnerung geblieben – welche könnt ihr mir davon empfehlen? Was sagt ihr zu meinen Gedanken über bewussten Konsum? Auf welchen Plattformen schaut ihr Filme und Serien? Ich wünsche euch einen wunderschönen Tag, Ana xx.

Beitragsbild: John Moeses Bauan / Unsplash.com

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