Gedankenballett, Gesellschaft

Kolumne: FOMO – The Fear of Missing Out

Ana - 15. Juli 2016

„Über das Plötzliche Verlangen jemanden zu küssen“, las ich letztens im Spiegel. Dieses Gefühl hat in einer fremden Sprache einen Namen. Auf Deutsch nicht. Wenn ich einer Freundin erzählen möchte, wie das Date war, muss ich lange vor mich hin erklären und hoffen, dass sie versteht, welches Gefühl ich genau meine. Auf dieser titellosen Sprache, deren Wörter es in seltene Wörterbücher geschafft haben, sage ich einfach: Gestern hatte ich voll „Basorexia“. Fertig, jeder, weiß, dass das Date gut lief (aber nicht zu gut). Ähnlich ist es mit Cyberchondria: Die seltsame Nervosität, die eintritt, nachdem man im Internet Krankheiten gegoogelt hat. Da musste ich lachen – über dieses Gefühl habe ich schon oft mit Freunden geredet. Eignet sich übrigens auch ziemlich gut, wenn man Smalltalk hält, es aber nicht wie Smalltalk klingen soll. Jeder kennt dieses Gefühl, und jeder kann mitreden. Ist trotzdem eigentlich namenlos.

Genauso – und das ist etwas, worüber man nicht mal eben quatscht um das Eis bei einem Gespräch mit einem Fremden zu brechen –  gestaltet es sich auch bei #FOMO. Fear Of Missing Out. Hier hat kein Sprachwissenschaftler die Aufgabe übernommen, alte Lexika nach einem Wort zu durchsuchen, was ebendieses Gefühl beschreiben möchte. Stattdessen hat die Internet Community das getan, was sie am besten kann: Aus dem Nähkästchen plaudern und Hashtags auf die Welt zu bringen. The Fear Of Missing Out – auf deutsch „Die Angst, etwas zu verpassen“ – hat jeder ganz tief irgendwo zwischen Zwerchfell, Leber und Schmetterlingsfabrik mal gespürt. Auch wenn wir zu stolz sind es zuzugeben, weil wir ja alle nur Dinge tun, weil wir uns mit logischem Menschenverstand dazu entschieden haben. Jaja.

FOMO tritt zum Beispiel auf, sobald in dem Freundeskreis plötzlich eine WhatsApp-Gruppe mit der „Kern-Squad“ gegründet wird – und du nicht dabei bist. Oder du auf Snapchat erhascht, wie zwei gute Freunde etwas unternehmen – ohne dich. Sobald beim Mittagessen neben dir ein Foto auf dem Smartphone rumgereicht wird, es aber nicht bei dir ankommt, dann ist das ganz nahrhafter Boden für FOMO, den kleinen Schlingel.

Woran erkennt man erfahrungsgemäß einen FOMO-Infizierten? Lasst mich einige Symptome nennen: Er/ Sie wird plötzlich professionelle/r WhatsApp-Gruppen-Gründer/in (somit ist die Mitgliedschaft in der „Kern-Squad gesichert – check!) und fragt die Freunde bevorzugt, was sie am Wochenende machen und vor allem MIT WEM. Bei dem Besuch im Kino haben FOMO-Infizierte panische Angst davor, am Rand zu sitzen und wenn ein Freund auf Snapchat mal ein Bild hochlädt, wird dieses nach bekannten Statisten im Hintergrund gescannt. Beim gemeinsamen Mittagessen muss ständig nachgefragt werden, worüber sich die Tischnachbarn zehn Meter weiter unterhalten. Kein Smartphonebild darf je über den Tisch gereicht werden, ohne dass der/die Infizierte/r auch mal einen Blick drauf wirft. Auch wenn es sich um ein Hundebild handelt und er/sie sich nicht die Bohne für Hunde interessiert.

Traurig, aber wahr: Jeder noch so entspannte Mensch mutiert, hat FOMO erstmal zugeschlagen, zu einem verrückten Controlfreak. Die ständige Angst, ausgeschlossen zu werden. Die Furcht davor, nicht überall dabei zu sein, um ja kein zusammenschweißendes Event zu verpassen und der verzweifelte Wunsch, auf jeder Hochzeit zu tanzen: Das ist FOMO.

„Voll die Opfer diese FOMOs!“ könnte man denken. Ein Intellektueller mag vielleicht auf die Möglichkeit frühkindlicher Vernachlässigung hinweisen. Kopfschütteln. Wer an FOMO leidet, der muss keine frühkindlichen Mangelerfahrungen aufweisen – meistens liegt das Problem (einfach nur) an einem unpassenden Freundeskreis. Hat man das Gefühl, ersetzbar zu sein, dann wird das nicht gerne kampflos hingenommen. Aber: Muss man immer bei allen Treffen dabei sein, weil man sonst den Termin für das nächste verpasst, dann umgibt man sich derzeit wohl mit den falschen Menschen. Richtige Freunde fragen euch, ob ihr mitkommen wollt (sicher kann es aber manchmal nicht schaden, einfach die Eigeninitiative zu ergreifen – es gibt auch schusselige Menschen und stressige Phasen). Spätestens wenn man vor lauter Insider die Gespräche der Squad nicht dekodieren kann und auch auf drängelnde Nachfrage nur ein knappes „Ist egal, ist ein Insider“ zugesteckt bekommt, sollte man einsehen, dass man wohl einfach kein Teil der Squad ist. Simple as that.

Und das ist auch gar kein Problem! Nicht an dir stimmt etwas nicht, sondern an denen. Ihr passt nicht zusammen, das sind nicht deine Freunde, sie schätzen dich nicht. In einer wahren Freundschaft muss man nicht um die Gunst des anderen kämpfen, die Anstrengung einer echten Freundschaft liegt woanders: Beim Füreinander Sorgen und Sich Melden und dem Sich Verstehen. Wenn man beginnt krampfhaft um die Aufmerksamkeit anderer zu betteln und die oben genannten FOMO Symptome aufzuweisen, dann sollte es heißen: Arrivederci, coole Squad. Vielleicht waren wir mal eine ziemlich coole Truppe, doch jetzt bin ich es Leid. Ihr schert euch keinen Dreck um mich? Ich renne euch sicher nicht hinterher, und wische euch euren VIP-Poppes.

Sicher einfacher gesagt, als getan. FOMO scheint so eine Highschool-Krankheit zu sein, die dort auftritt, wo der Rank auf den Schulgängen den Selbstwert zu bestimmen scheint. Sollte er aber nicht und damit setze ich jetzt einen Punkt hinter diese doch so lang gewordene Kolumne.

Eins noch: Woran erkennt ihr, dass ihr FOMO-frei seid? Na, beispielsweise, wenn ihr getrost den Samstagnachmittag auf dem Sofa verbringen könnt, ohne Angst davor zu haben, am nächsten Morgen freundeslos aufzuwachen. Solltet ihr mit eurer Einschätzung nämlich tatsächlich richtig liegen, dann seid ihr es jetzt auch schon.

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9 Comments

  • Charlie 17. Juli 2016 at 08:00

    Super Kolumne!
    Unter FOMO leide ich auch ziemlich oft, seit gefühlt alle meine Freunde und Bekannten sich kennen und treffen, während ich wegen der Arbeit nicht kann, die aber den entspannten Zeitplan der fertigen Abiturienten haben. Ich hasse es total, wenn ich das Gefühl habe, nicht dabei zu sein. Dabei muss man fairerweise aber auch sagen, dass ich immer eingeladen werde und nur leider absagen muss.
    Aber dadurch kommt es dann teilweise auch dazu, dass ich zu Verabredungen zusage, auf die ich keine Lust habe, weil man ja was verpassen könnte. Wobei das auch nicht immer schlecht ist.

    Wie auch immer, eine gute Aussage hast du da am Ende getroffen!

    Liebe Grüße,
    Charlie

    Reply
    • Ana 18. Juli 2016 at 20:21

      Danke, Charlie!
      Genau – dabei sollte man nur etwas tun, wenn man auch wirklich Lust dazu hat! xx Ana

      Reply
  • Caro 17. Juli 2016 at 12:58

    Ja, das kenne ich nur zu gut. Gerade in der Schule finde ich fällt das total auf. So ist man eine coole Truppe ,aber sobald dann Ferien sind interessiert es keinen mehr so wirklich was man macht oder ob man Lust hat was zu unternehmen.
    Schönen Blog hast du!

    Liebe Grüße
    Caro
    http://perfectionofglam.blogspot.de

    Reply
    • Ana 18. Juli 2016 at 20:21

      Danke! Freut mich, dass es dir hier gefällt! xx Ana

      Reply
  • Kathrin 18. Juli 2016 at 08:57

    Genial!! 😀
    Wir waren doch alle mal FOMOs 😉 Ich denke das ist „normal“ in der Schulzeit! Irgendwann wirds einem dann doch zu blöd und man schränkt seinen Freundeskreis auf die wirklich wichtigen Menschen ein. Das macht das Leben wieder stressfrei und entspannter. Man genießt die Zeit mit Freunden wieder mehr und kann auch ganz gut mit sich alleine 🙂

    LG Kathrin

    Reply
    • Ana 18. Juli 2016 at 20:24

      Ja sehe ich genauso – jeder hat mal FOMO. Eben und was ist wichtiger, als ein gutes Verhältnis zu sich selber? xx Ana

      Reply
  • How To Not Give A Fuck: Tipps für mehr Selbstbewusstsein 3. August 2016 at 10:55

    […] Wieso interessiert uns die Meinung der anderen eigentlich so sehr? Meistens doch, weil wir zwanghaft und inständig hoffen, dass sie in uns die Person sehen, die wir so gerne sein wollen. Während wir uns also den Kopf darüber zerbröseln, wie wir wohl bei anderen rüberkommen, entfernen wir uns immer weiter von unserem Idealbild. Anstatt an uns zu arbeiten, zu lernen, mit uns zufrieden zu sein und das Leben zu genießen, überinterpretieren wir die Zeichen anderer und grübeln darüber, was sie wohl mit dem Kommentar letzte Woche gemeint haben. Mag sein, dass ich mich täusche, aber wer will schon ein zweifelndes, unsicheres Häufchen Elend sein, dass immer nur auf Bestätigung von anderen hofft? […]

    Reply
  • Anna 9. August 2016 at 18:52

    Eine coole Kolumne! Und das Gefühl kennt glaub ich wirklich jeder 😀 Trotzdem kann ich auch Samstag abends mal ganz gut alleine auf der Couch sitzen und die anderen feiern gehen lassen. Wenn man darauf eben gerade mehr Lust hat, dann sollte man das doch auch besser dabei belassen 😉
    Habe deinen Blog gerade über Mara entdeckt und ganz begeistert. Vor allem die Kolumnen gefallen mir sehr gut! 🙂

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  • Life Update oder: Vom Studium, dem Auf-Sich-Aufpassen und der jährlichen Oktobererkältung - The Disaster Diary 30. Oktober 2016 at 07:57

    […] zu verbringen, ist bullshit, genauso wie der krankhafte Wunsch auf jeder Hochzeit zu tanzen. FOMO sucht auch mich heim, öfter als mir lieb ist. Dieses Wochenende aber nicht und anstatt den tollen Abend zu bedauern, den ich jetzt verpasse, […]

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    • Fast ein Jahr her 👆🏻, aber keine Sorge. Nächster Trip mit @laura_longwitz schon in Planung! 😌🙃🔜 #reisemuffel #reisetrotzdem #travel #city #rome #prague #bestfriends #foreveeeeeer!!! ♥️
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