Kolumne: Die Flucht nach vorne

Ana - 2. Oktober 2016

Letztens scrollte ich durch meinen Facebookfeed und blieb an einer Veranstaltung hängen, die nicht weniger als ganze siebzehn meiner Freunde auf Facebook mit „Interessiert“ markiert hatten. Uiuiui, was habe ich verpasst? Welche Party wird dieses Wochenende gehypt? Doch nicht etwa die Schaumparty – auf die würden mich keine 10 Pferde kriegen.

Aber Fehlanzeige – keine Schaumparty dieses Wochenende. „Generation Beziehungsunfähig – Vorlesung von xy“ heißt die Veranstaltung. „xy“ steht für den Namen des Buchautors, welcher in meinem Heimatstädtchen aus seinem Werk vorlesen und etwas darüber reden will. Da ich zu den wenigen gehöre, die tatsächlich gerne zu Lesungen gehen UND sich nicht dafür schämen, das öffentlich zuzugeben, bin ich über die vielen Interessenten auf Facebook verwundert: Scheint, als wäre das Thema „Beziehungsunfähig“ ganz groß.

Der kurze Beschreibungstext spricht davon, dass wir in Zeiten der Individualisierung und Selbstverwirklichung zu wenig einstecken können, um eine funktionierende Beziehung zu führen. Ich kann den Gedanken des Autors nachvollziehen – schließlich stimmt es, dass wir unser Leben von vorne bis hinten unseren Wünschen anpassen wollen. Gefällt uns etwas nicht, dann fordern uns WeHeartIt-Sprüche dazu auf, es zu ändern. „Just Do It“, „Treat Yourself“, „Put Yourself First“ sind da nur einige Musterkandidaten. All das führe dazu, dass wir zu hohe Erwartungen haben und immer versuchen, proaktiv zu sein. Handeln ohne Abzuwarten, ohne Zeit zu lassen. Dabei sollte man, xy’s Meinung nach, eben auch mal passiv sein können, dem anderen seinen scheiß Graue-Wolken Moment lassen und warten, bis dieser vorüberzieht und die Sonne wieder scheinen kann. Den stillen Unterstützer spielen, auch wenn wir dem anderen am liebsten Life-Advice geben wollen, damit er schnell wieder in das Verhaltensmuster unseres „Traumpartners“ verfällt.

Dann las ich in Online Magazinen vermehrt von Phänomen wie „Ghosting“ und „Benching“. Ghosting: wenn man sich einfach nicht mehr meldet und ins Abseits verschwindet. Benching: Wenn man sich grade mal so regelmäßig meldet, dass der andere Hoffnungen hegt, grade mal so unregelmäßig aber, dass man kein eindeutiges Interesse zeigt. Schicker, englischer Name für das klassische „den Anderen Warm Halten“.

Beides absolut asoziale Verhaltensweisen, die aber unglaublich beliebt und erfolgreich sind. Erfolgreich in was, fragt ihr euch? Auf jeden Fall nicht im beziehungsfähig sein! Beherrscht man Ghosting und Benching aber wie ein Profi, dann wird man doch immer erfolgreich im Ego-Bewahren und Überlegenheit-Zeigen sein. Auch ich sehe die Problematik der Generation Beziehungsunfähig, allerdings glaube ich nicht, dass man das ist, nur weil man versucht sich selbst zu verwirklichen.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und der ängstlichen Fixierung auf das eigene Ego. Ghosting und Benching sind unfair und zwischenmenschlich ein absolutes No Go – es ist total in Ordnung das Interesse zu verlieren, doch wieso teilt man das dem anderen nicht einfach mit? Geht man respektvoll mit anderen um, in dem man es genießt, sie in der Luft hängen zu lassen? Logisch betrachtet ist so ein Verhalten überhaupt nicht cool – doch leider wird es in der Praxis ziemlich oft als sehr cool und lässig angesehen. Genau das ist der Untergang dieser sogenannten Generation, die sich im Selbstmitleid versinkend „Beziehungsunfähig“ tauft.

Es zieht die allgemeine Auffassung ihre Runden, man dürfe es sich nicht erlauben, den anderen mehr zu mögen, als man selbst gemocht wird. Es sei der absolute soziale Untergang „Abserviert“ zu werden. Zu zeigen, dass man verletzt darüber ist, dass sich der andere plötzlich nicht mehr meldet. Die sichere Alternative: Immer das Ego bewahren.

Übung macht den Meister. Und Egoismus macht süchtig. Mal der zu sein, der die Abfuhr bekommt, zeuge von Schwäche – das lassen dich alle anderen mit ihrem Gemunkel wissen.

Letztendlich vermeiden wir es strengstens, auch nur mit einer Faser zu riskieren, dass unser Stolz verletzt wird. Wir werden zu den Personen, die sich nach dem Treffen erstmal aus Prinzip gar nicht melden, erzählen unseren Freunden, dass da „gar nichts ist“ und posaunen selbstbewusst heraus, dass wir eh nach nichts Festem suchen. Verschränken vor jedem Moment, in dem der andere vielleicht dann doch an unserem Innersten kratzt, die Arme und tragen das Näschen stets oben. Die Reihe an Dominosteinen, die wir damit allerdings anstoßen, verfolgt eine kreisförmige Spur… und beißt uns letzten Endes ins eigene Fleisch.

„Ich finds toll, dass wir Spaß haben können, ohne dass du direkt Stress schiebst. Voll entspannt, wenn keine Gefühle im Spiel sind“. Vorbildlich so etwas früh genug zu sagen, wenn es denn der Wahrheit entspricht. Viel zu oft sind solche Aussagen aber nur die Flucht nach vorne. Ganz nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ ziehen wir es vor, derjenige zu sein, der die Friend Zone ankündigt, statt zu riskieren gefriendzoned zu werden.

Wer traut sich nach so einer Ansage noch zuzugeben, dass da vielleicht ein Millimeter mehr als Zero-Emotio im Spiel ist? Wer traut sich dann noch zuzugeben, doch nicht komplett cool und selbstbewusst und stressfrei in dieser Situation zu stehen?

Am Ende lachen sich also alle nur heuchlerisch ins Gesicht – zeigen wie ungern sie eine Beziehung wollen, wie cool oberflächliches Aneinandervorbeireden ist und wie selbstbewusst man durchs Leben geht, wenn man eh nichts Festes will.

Fragt man nach, geben aber die meisten zu, dass sie irgendwann mal etwas festes wollen. Und… Wann? Tja, wenn es sich ergibt, ist darauf die Standardantwort. Es muss passen. Dann wenn nur ein oberflächliches Hier und Da mal hinter verschlossenen Türen nicht genug ist.

Da fällt mir immer die Geschichte der blau-häutigen Menschen ein, die aus Scham über ihre Hautfarbe nur mit einer weißen Maske durch die Gegend laufen und ihr ganzes Leben nach jemandem suchen, der auch blaue Haut hat. Da laufen sie also eines Tages auf einander zu und aufgrund der weißen Masken ahnungslos aneinander vorbei. Machen sich weiter auf die Suche nach ihrem blau-häutigen Seelenverwandten.

Wenn niemand offen über die eigenen Gefühle und Wünsche sprechen mag, wie sollen diese dann irgendwann erfüllt werden? Alle Zucken nur die Schultern, tun so als wäre ihnen alles egal – wie soll da deutlich werden, wann es wirklich ernst ist?

In der Generation Egoistisch und Unglaublich Feige („Beziehungsunfähig“ badet zu sehr im Selbstmitleid!) verkommen zahlreiche Beziehungen im Schweigen, verenden in der Raffinesse des Nicht-Antwortens und werden hinterher von beiden Seiten nur mit einem Schulterzucken kommentiert. Dank Tinder, Lovoo & Co. wissen wir nämlich, dass es mehr als nur ein Match für unser Profil gibt. Vielleicht beim Nächsten Mal also…


Beitragsbild: Unsplash.com

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5 Comments

  • Tessa 2. Oktober 2016 at 08:48

    Hallo Ana
    Sehr guter Artikel! Allerdings unterteilen viele in meinem Umfeld die Menschheit in zwei Kategorien: „Die Beziehungsunfähigen“ und diejenigen die Jungs/Mädchen zu sammeln scheinen. Sie sind dauerverliebt und haben gefühlt alle zwei Wochen einen/eine Neue. Aber sobald ich erwähne, dass ich momentan viel zu wenig Zeit habe um mich in eine Beziehung zu stürzen, werde ich in die Kategorie der „Beziehungsunfähige“ gesteckt.
    Dabei glaube ich nicht, dass „bindungsphobisch“ etwas mit der Anzahl der schon gehabten Beziehungen zu tun hat, sondern die Angst zu haben verletzt zu werden(wie du in deinem Artikel bereits erwähnt hast). Eine Art Mauer um sich zu errichten und niemand durchzulassen. Jedoch glaube ich, dass die wenigsten unserer Generation diesem Bild entsprechen,denn die Welt ist nicht schwarz und weiß.
    Man kann nicht unterteilen in diejenigen ,die 24/7 verliebt zu sein scheinen und diejenigen ohne Beziehung als nicht fähig abzustempeln, so wie es viele in meinem Fall machen. Es gibt zum einen die Menschen die schon seit Jahren eine glückliche Beziehung führen, zum anderen aber auch die(und zu denen zähle ich mich), die schlicht und weg zu wenig Zeit oder keine Lust haben sich mit einer Beziehung zu beschäftigen
    Liebe Grüße
    Tessa

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    • Ana 8. Oktober 2016 at 08:05

      Ich wollte mit diesem Blogpost auch gar nicht einteilen.
      Auch rede ich nicht von „Bindungsphobie“ oder ernst zu nehmenden Krankheiten.
      Ich rede lediglich davon, wie zu viel Stolz eben auch kontraproduktiv sein kann und das Offenheit, Verletzlichkeit und etwas Risiko ganz wichtig für Kommunikation und eben auch richtiges Glück ist.
      Ich bin mir sicher, dass man nur weil du keine Lust auf eine Beziehung hast, lange nicht bindungsphobisch ist. Dazu gehören generell viel weniger Menschen, als die Stolzen, die ich mit diesem Beitrag meine. xx Ana

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  • Dunja 2. Oktober 2016 at 18:59

    Hey Ana 🙂
    toller Text und starker Schreibstil – echt, Kompliment! 🙂 Das Thema „Beziehungsunfähig“ läuft einem ja echt häufig über den Weg, dabei wunder ich mich immer wieder – ich dachte wir wollen alle so individuell sein, seit wann ist es denn für alle okay, in eine Schublade gesteckt zu werden? Persönlich bin ich seit drei Jahren sehr glücklich in einer Beziehung und denke, dass es wirklich auf ehrliche Kommunikation ankommt. Man sollte seine Mitmenschen so behandeln, wie man selbst behandelt werden will. Das klingt zwar bisschen nach Bibel, wird aber oft vergessen – vor allem dann, wenn es ums nicht mehr melden, ghosten oder sich bloß nicht emotional zu nah kommen wollen geht..

    Liebe Grüße, Dunja

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    • Ana 8. Oktober 2016 at 08:06

      Hey Dunja,
      vielen Dank – das hört man doch gerne 🙂
      Ich seh das genau so wie du. Kommunikation ist so unglaublich wichtig – natürlich direkt Hand in Hand mit Respekt.
      xx Ana

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  • Life Update: Erste Tage in Münster - The Disaster Diary 6. Oktober 2016 at 18:17

    […] Kolumne: Die Flucht nach vorne […]

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