Hässliches lieben

Ana - 8. September 2019

Wenn es um die Themen Emotionen und Liebe geht, dann kommt man früher oder nach später an den Punkt der Erkenntnis, wie ähnlich wir uns alle sind. Wir verlieben uns (außer vielleicht bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung). Und werden verletzt. Und verletzen. Und Ego spielt viel mit rein und irgendwie ist jeder mal unten und auch mal oben. Der gemeinsame Nenner ist das emotionale Chaos. Mit Fokus auf diese immense Kraft, die uns alle antreibt (Liebesgedichte, Liebesfilme, Liebes-ALLES), bin ich dann doch oft überrascht – wenn nicht sogar schockiert – , wie unterschiedlich Menschen lieben (insbesondere: warum andere Menschen anders lieben als ich).

Populärwissenschaftlich bekannt ist die Klassifikation der fünf Liebessprachen von Paarberater Gary Chapman. Laut dieser drücken Menschen in (romantischen, aber nicht nur!) Beziehungen auf unterschiedliche Weise ihre Liebe aus und wollen ebenso auf unterschiedliche Weise Zeichen von Liebe erhalten. Einige zeigen Liebe in (1) Lob und Anerkennung, andere in (2) Zweisamkeit, in (3) Geschenken, (4) Hilfsbereitschaft oder (5) Zärtlichkeit. Die meisten Menschen sind für mehr als eine Liebessprache empfänglich, jedoch schwankt die Gewichtung ganz individuell. Falls jemandem diese Theorie nichts sagt, verweise ich dringend auf diesen Artikel auf good old wikipedia. Heute möchte ich aber über etwas viel simpleres, fast schon umintellektuelles schreiben (weil ich hier ja sonst immer nur das feinste vom Feinsten aus der akademischen Welt raushaue ;-)). Wie wichtig ist Menschen Schönheit in der Liebe?

Wie schön findet man es, den anderen in seinen unschönen Momenten zu erleben? Mich persönlich reizt es, den anderen in seinen verletzlichen und ebenso wahren Momenten zu erleben. Durchzechte Nächte, ein schlimmer Virus, ein komischer Pyjama (oder: überhaupt ein Pyjama!) – macht die Person nur schöner, nur liebenswerter, nur näher. Darum berührte mich auch die Fotoserie der US-Amerikanischen Fotografin Nan Goldin so sehr, die unter dem Namen „The Ballad of Sexual Dependancy“ im Tate Modern in London ausgestrahlt wurde (die Fotoserie wird seit 1979 immer wieder in verschiedenen Museen und Ausstellungsinstitutionen gezeigt). Als plötzlich vermehrt Bilder von Brian, einem jungen Mann, gezeigt wurden, stockte mir und der Freundin, mit der ich die Ausstellung besuchte, der Atem. „Is this her boyfriend?“, fragte sie. Ich wusste es, ohne es zu wissen. Die Fotografien zeigten ihn natürlich, mit teilweise schwarzen Zähnen, müden Augen, starrem Blick. Und doch war der Blick der Kamera der einer liebenden Person, welcher genau diese Imperfektion das Herz am stärksten zum Schlagen bringt.

Ich liebe wie Nan Goldin. Ich liebe, wenn ich liebe, alles mit. Ist es anders, ungewohnt, unkonventionell nur mehr. Goldin fotografierte vor allem ihr direktes soziales Umfeld. Sie nimmt den Betrachter mit auf Partynächte und gammelige Zimmer in kleinen New Yorker Wohnungen. Sie sagte:

“Mein Wunsch ist es, den Sinn im Leben der Menschen zu erhalten, Ihnen die Kraft und Schönheit zu schenken, die ich in Ihnen sehe. Ich will, dass die Menschen in meinen Bildern zurückstarren.“

Und das tun sie! Die Wärme und Liebe, die Goldin für die Protagonisten ihres Werkes empfindet, spürt man – sie springen einen förmlich an! – auch wenn deren Anblick einem in anderen Kontexten nichts bedeuten würde. Goldins Kamera repräsentiert ihren eigenen Blick. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so sehr für Fotografie begeistern könnte.

Wenn ich im Alltag mit Freunden über Liebe und Schönheit spreche, fühle ich mich manchmal ganz allein mit meiner Begeisterung für Schwäche, Verletzlichkeit und das Unschöne: Ein schlechtes Outfit, ein entwischter Pups, eine Kotzattacke nach dem Saufen, ein peinlicher Abend mit den Eltern… und plötzlich ist die Anziehung weg. Ordnung und klassische Schönheit, Fassade und Alles-Läuft-Wie-Im-Märchen scheint der eigentliche Grund für den Affekt zu einem Menschen zu sein. Mag man den Menschen oder das Drumherum? Eine alte Frau sagte mal zu mir: „Du darfst dich in deinen schlechten Momenten einem Mann nie zeigen. Er soll dich schließlich begehren.“ Eine Arbeitskollegin schickt ihrem Freund Fotos von ihrem Ausschlag am Po, den sie sich bei einem Ausflug am Münsteraner Kanal eingefangen hat. „Er soll sich schließlich um mich kümmern. Ist doch mein Freund!“

Wie liebst du? Scheust Du dich davor, Dich hässlich zu zeigen? Und die womöglich viel wichtigere Frage: Fürchtest Du dich davor, dass sich Dir jemand hässlich zeigt?

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