Hommage an das Leiden

Ana - 21. Februar 2020

Es ist kurz vor 23 Uhr an einem Oktobertag, ich bin in Münster. Diesen Beitrag widme ich dem Leiden, einer der großartigsten Erfindungen der menschlichen Biologie. In der 8. Klasse erzählte uns unsere Biologielehrerin, dass man genauso wie taub oder blind, auch gefühls /schmerz„beeinträchtigt“ sein kann. Man fährt Fahrrad, hat einen Unfall, bricht sich das Bein und fährt dann einfach weiter, weil man den Schmerz nicht spürt. Später sieht man dann, dass alles blau anschwillt und komisch aussieht, und geht zum Arzt. Aber bis dieses Signal sichtbar wird, hat man erstmal kein anderes. Die meisten fürchten sich vor Schmerz. Dabei ist der Schmerz der ungefährlichste, ja manchmal lebensrettende Part. Er treibt an, keine falsche Bewegung zu machen, Hilfe zu holen, die tatsächliche Gefahr zu vermeiden oder zu verändern. Seelischer Schmerz, seelisches Leid hat eine ähnliche Signalfunktion. Bis hier geht’s noch, aber nicht mehr weiter. Zwar ist beim seelischen Leid die Ursache oft nicht so leicht erkennbar, wie beim Aua wenn man die Grünkern-gefüllte Zucchinirolle aus dem Ofen zieht und an das Blech packt, dennoch: nicht zu vernachlässigen. Now, from ME to YOU: Eine Aufforderung, deine Grenzen kennenzulernen, und viel wichtiger! Sie zu respektieren. Und dann – an ihnen zu wachsen. Ich kam, ich litt, ich upgradete.

Ich liege in einem Einzelbett in einer Wohnung, in der ich erst seit Kurzem hause. Mein Doppelbett habe ich verkauft bei meinem Umzug, habe die Möbel in der neuen Wohnung einfach übernommen. Es ist ungewohnt und komisch auf 90cm zu schlafen und absolut zu eng für zwei Leute. Es ist nur Platz für mich hier. Ich habe viel zurückgelassen im letzten Monat, etwas mehr als nur mein Doppelbett. Darunter meine bedingungslose Loyalität für Menschen, die ich einst lieben gelernt habe. Aber auch meine Angst vor dem Alleinsein und den Komfort des Nichts-Tuns. Ich habe etwas Böses getan, bin einfach ohne Vorwarnung vom einen auf den anderen Tag ausgezogen. Ich habe Wut auf mich gezogen und jemanden vor den Kopf gestoßen, den ich einst vor jeder Abweisung und jedem Schmerz dieser Welt beschützen wollte. Und ich habe Großartiges getan: Gehandelt, statt zu meckern, etwas einfach entschieden und umgesetzt, in Nacht und Nebel und trotz Bauchschmerzen.

Und was ganz wichtig daran ist: Das alles ist nicht passiert, weil ich so mutig, oder stark bin. Oder weil „I put myself first“, „I deserve better“ und diesem anderen Diva-Quatsch. Es ist einzig und allein so passiert, ich habe es so passieren lassen, weil ich litt. Jämmerlich und bitterlich habe ich gelitten*. So sehr, dass ich mich gar nicht mehr erkannt habe. Gemocht erst recht nicht. Ich wusste nicht weiter und erst recht nicht wohin, aber manchmal muss man nicht wissen wohin, sondern nur wovon weg und der Rest regelt sich dann von selbst. *first world version

In einer psychotherapeutischen Sitzung, bei der ich hospitieren durfte, hat eine neue Patientin auf die Frage, warum sie gerade jetzt eine Therapie anfange, geantwortet: „Weil es mir jetzt einfach reicht.“ Mit ganz wütender Stimme. Wer denkt, dass Psychotherapie normalerweise und ausschließlich ein Setting für traurige und jammernde Schlaftabletten ist, der hat sich getäuscht. Personen mit einer Diagnose verbindet vor allem folgendes Kriterium: „Die Symptome verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden und/oder Einschränkungen“.

Sie haben einfach keinen Bock mehr mit diesen Symptomen zu leben. Bis hier ging’s noch irgendwie – aber nicht weiter. Sie lassen sich auf eine sehr lange Warteliste setzen und packen einem Fremden (der natürlich der Schweigepflicht unterliegt) ihr ganzes Seelenleben aus – inklusive all der Gedanken, die wir alle täglich denken und uns fragen „Alter, was denke ich nur immer für einen Scheiß, hoffentlich kann niemand Gedankenlesen“. Ja, da ist mal Trauer und Angst und Selbstmitleid. Aber da ist auch Wut auf den Ist-Zustand und eine absolute Aversion gegenüber diesem Leid, was einem das Herz schwer macht wie Blei. Falls man mit so einem Extragewicht in der eigenen Brust irgendetwas will, dann, dass es weggeht. Und wenn man mich fragt, dann ist dieser kleine Tiefpunkt, dieser Schlüsselmoment, der in dem Moment, wo er eben da ist, wahrscheinlich total kacke ist und überhaupt nicht so erleuchtend wie man rückblickend als Celebrity immer in Talkshows behauptet, eine ganz glückliche Begebenheit. Glücklicher zumindest als ein Leben lang kurz über dieser Schmerzensgrenze zu schlendern und auf der Höhe einer unzufriedenstellenden Lebenszufriedenheit wie in den Seilen zu hängen.

Es ist schon fast Mitternacht. Ich darf nicht zu lange schreiben heute, denn mein Ladekabel ist gestern bei der Psychoparty kaputt gegangen und mein Akku leer und ich habe morgen einen Termin, den ich auf keinen Fall verschlafen kann. Es fühlt sich aufregend an, einfach mal ohne Wecker schlafen zu gehen. In meinem neuen superschmalem Bett sitze ich halb auf dem witzigsten Roman dieser Welt: „Das kunstseidene Mädchen“. Oder, wie ich es nennen würde, „Das allerklügste Mädchen“. Es geht um Doris und viele Rezensenten behaupten, Doris sei dumm. Ich sage, diese Rezensenten haben überhaupt nichts verstanden. Mit jeder Zeile, die ich lese, bestätigt sich meine Annahme, dass Doris ein Genie ist. Zu Beginn arbeitet sie als Sekretärin, beherrscht keine Kommasetzung und flieht schließlich mit einem geklauten Pelzmantel nach Berlin, um ein Star zu werden (oder wie man es im Deutschland des 1931 nannte: Ein Stern.) Wie es mit Doris ausgeht, verrat ich nicht. Ganz unabhängig vom Ausgang möchte ich aber anmerken, dass selbst eine so naive Fluchtaktion besser sein muss, als sich von einem hässlichen Juristen angrabschen zu lassen, nur damit man wegen der ganzen falschen Kommata in den Briefen, die man für ihn schreiben muss, nicht gefeuert wird. Was passiert, wenn wir uns aus unserer Leidensposition erheben und etwas ändern, können wir nicht wissen. Noch weniger was dann danach passiert, oder dann danach. Eine komplexe Kette aus Ereignissen. Mal Glück im Unglück, mal Unglück im Glück. Vielleicht alles Sache der Perspektive, der Interpretation, des Narrativs? Und damit enorm subjektiv. Vor kurzem schrie mir mein ganz inneres Stimmchen (lag schon halb im Sterben) „Raus hier!!!“ zu. Ich hab’ noch die Kurve bekommen, meine Stimme reanimiert, meine Kartons gepackt. Wohnungssuche dauerte 1 Tag und ist Altbau. Will jetzt nicht zu spirituell klingen, aber das Universum wirft regelmäßig Rettungsringe – man muss sie nur packen und dann selbstständig (och ne!) an Land paddeln.

kunstseiden2

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