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Ida Gard und die Cultural Studies – Vom Mainstream und von Popmusik

Wenn ich gefragt werde, was ich für einen Musikgeschmack habe, stottere ich immer irgendetwas von Mainstream. Ich glaube, ich habe wirklich keinen richtigen Musikgeschmack. Ich mag ganz unterschiedliche Musik, habe keinen Club, von dem ich sagen würde, dass ich dort wegen der Musik besonders gerne feiern gehe, und meine Spotify-Lieblingsplaylist ändert sich eh ständig. Ich höre immer mal wieder Schwanensee und Phantom der Oper, weil ich früher so gerne Ballett getanzt habe, und ich mag Calle Trece, weil sie mich an Spanien erinnern. Manchmal werde ich nostalgisch, dann höre ich Britney Spears und Madonna, ich höre gerne Dota, weil ihre Lyrics super sind, und manchmal sogar Juli, ich höre gerne Imagine Dragons und The Pretty Reckless, ich war früher ein riesiger Fan von Lorde, weil ich ihre Texte liebe. Lorde hat vor kurzem ihre neue Single „Green Light“ veröffentlicht und die Fans regen sich in den Kommentaren unter ihrem Video darüber auf, dass sie ihrem Stil nicht treu geblieben war. Das, was Lorde jetzt macht, sei doch nur Popmusik.

Vor einigen Wochen stand gerade die Klausurphase an, ich hatte gerade Nachhilfe gegeben und saß im Bus auf dem Weg nach Hause. Ich wollte noch schnell etwas lernen, war müde und hatte Hunger. Die Lokalzeitung aus der Stadt, in der ich aufgewachsen war, fragte mich, ob ich am Tag darauf Zeit hätte, um ein Interview mit einer dänischen Sängerin zu machen, und ich wollte eigentlich aus Zeitgründen absagen. Hab ich dann aber doch nicht getan, warum weiß ich auch nicht. Ida Gard schreibt Popmusik, sagt ihre Wikipediaseite. Das ist also auch nichts Besonderes, halt Popmusik einfach, kein Indie, kein Rock, kein Hip Hop, einfach etwas, was irgendwie alle mögen und doch keiner so besonders, keine richtige Kunst.

Ich würde jetzt gerne sagen, dass das Interview mit Ida Gard ein echt tolles Gespräch war, aber das wäre gelogen. Wir sprachen Englisch miteinander und die Telefonverbindung war schlecht, alles hab ich nicht verstanden. Echt toll war es dann aber doch: Ida erzählte mir von den Inspirationen hinter ihren Liedern, davon, wie ihr neuer Song „Womb“ eine Szene aus dem Roman „Populärmusik aus Vitula“ nachahmen möchte, wie es um eine Neugeburt in einen neuen Lebensabschnitt geht, davon, dass ihre Alben immer abwechselnd düster und dann wieder ganz leicht sind, davon, dass sie das Gefühl hat, sich mit jedem Album in eine Art Box zu zwingen und aus dieser danach wieder ausbrechen zu müssen. Sie klang so künstlerisch, so kreativ, dass ich meine Vorurteile gegen Popmusik mit einem Mal vergessen hatte. Ich war vom ersten Wort an fasziniert von der Sängerin.

In den Medienwissenschaften, in der Anglistik und in noch ganz vielen anderen Richtungen geht es oft um die Cultural Studies. Kultur ist für uns so selbstverständlich, dass sie es wert ist, sich einmal zu fragen, was eigentlich hinter diesem Begriff steht. Die Cultural Studies ziehen keine Trennlinie zwischen ernster Kunst und lockerer Unterhaltung. Ihnen zufolge muss ich nicht zwingend die hohe Kunst einer Opernsängerin analysieren, die sich aber nicht viele Menschen anhören, sondern sollte mir viel lieber beispielsweise bekannte Popmusik anschauen, wenn ich wissen möchte, wie eine Kultur aufgebaut ist, welche Ängste eine Gesellschaft prägen und welche Wünsche die Menschen haben. Das bedeutet, dass die Cultural Studies zu ihrer Gründungszeit nicht nur Goethe lasen, sie hörten sich auch die Beatles an.

In dem Interview mit Ida machte all das plötzlich Sinn. Ich glaube, zu einem großen Teil habe ich mich dazu entschlossen, Medienwissenschaften zu studieren, weil mich Menschen interessieren und weil ich verstehen möchte, was sie fürchten, woran sie glauben und was sie sich erhoffen. Songtexte, Fantasyromane und Serien – all das sind Ausdrücke von Träumen, die wir tagsüber haben. Popmusik ermöglicht uns einen unglaublichen Zugang zu Menschen und das weiß ich an ihr zu schätzen. Dieser Text ist dennoch kein Hoch auf die Popmusik und auch kein Hoch auf den Mainstream, denn viele Songs in den Charts finde ich langweilig und/oder sexistisch. Ida hat mir aber nicht nur gezeigt, warum Popmusik nicht auf die Charts reduziert werden kann und absolut hörenswert ist. Sie hat auch meine Suche nach „meiner“ Musik beendet: Ich weiß bis heute nicht, welchem Genre ich meine Lieblingsmusik zuordnen soll oder welches Label ich ihr aufkleben soll. Ich weiß aber, dass ich am Ende des Tage Schreiberin und zudem fasziniert von Worten bin, und genau das wird es immer sein, was ich in Musik suche.

Was sagt ihr zu Idas Musik? Welche/r Sänger/in fasziniert euch ganz besonders? xx Marie

Beitragsbild: Pixabay / Pexels

Ein Kommentar zu “Ida Gard und die Cultural Studies – Vom Mainstream und von Popmusik

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