Food & Fitness, Gedankenballett, Gesellschaft

Immanuel Kant meets Veganismus

Ana - 24. Juli 2016

Veganismus verteilt überall seine Tentakel. Jede Zeitschrift und Online-Magazin fühlt sich gezwungen, darüber zu schreiben, jeder Fernsehsender wenigstens eine Reportage über Veganer zu schalten. Zum ersten Mal habe ich vor vielen Jahren eine Sendung zu dem Thema gesehen, wo ein veganes Studentenpaar von dem Kamerateam eine Woche lang begleitet wurde. Mein Gedanke: „Diese nervigen Ökos!“ Heute bewege ich mich im Eiltempo (oder waren es doch Mäuseschritte?) auf eine strikt vegane Ernährung zu. In dieser Reportage wurden die ethischen Gründe in einem genuschelten Nebensatz abgehandelt, die Studenten trugen Dreadlocks und abgewetzte Klamotten und ständig wurde ein überteuerter Sojaaufschnitt in die Kamera gehalten. Und Sojaschnitzel. 50% der Worte, die fielen, handelten davon, wie unzureichend und ungesund diese ominöse Spezies doch lebt. Fleisch= gesund, dazugehörig und gepflegt. Kein Fleisch= komischer, aber reicher Hippie mit Sojafetisch.

 Argumente, die keine sind

Mittlerweile ist die Welt Veganern gegenüber etwas positiver gestimmt. Obwohl ich viele Journalisten auch gute Worte über die rein pflanzliche Ernährung verlieren höre, mischen sich auch unzählige Unwahrheiten herein, die Folge einer schlechten Recherche sind. Ich rede nicht nur von den uninformierten Menschlein, die darauf beharren, dass Milch unglaublich gesund ist, ohne ein Argument dafür zu nennen (nein, „das weiß doch jeder!“ ist kein Argument). Es gibt auch zahlreiche Befürworter des Veganismus, die dafür werben, aber durch Unwahrheiten unseriös wirken. Die Folge: Die ganze Bewegung wirkt unseriös. Diese Leute halten sich nicht an „Das hört man doch überall!“ sondern an „Das hab ich x sagen hören!“ – ebenfalls kein zulässiges Argument.

Bespieltime: Auf Zeitjung.de las ich einen Artikel mit dem aufsehenerregenden Titel „Was, wenn wir alle Vegetarier wären?“. Ich lese ziemlich gerne auf Zeitjung.de und musste beim Lesen feststellen, dass die Autorin ziemlich fair mit dem Thema umgeht und Fakten zu nennen weiß. Wenn da nicht ein paar Stolpersteine wären! Dass sich die rein pflanzliche Ernährung langfristig positiv auf unsere Gesundheit auswirkt, weil sich die Zufuhr von Kohlenhydraten dadurch automatisch reduziert, ist allgemein bekannt“, heißt es.
Erneut dieses „allgemein bekannt“, was ich nicht mehr hören kann. Ein „Allgemein bekannt“ beweist gar nichts und ist zudem unzulänglich, was eine seriöse Auseinandersetzung mit einem Thema angeht. „Allgemein bekannt“ sorgt dafür, dass wir aufhören zu denken und uns auf „allgemein bekannte“ Meinungen verlassen.

Vegan = weniger Kohlenhydrate?

Tatsächlich wird jedem, der dieser Aussage einige Sekunden mehr schenkt, auffallen, dass das vorne und hinten nicht stimmt. Bei der veganen Ernährung verzichtet man auf Milchprodukte, Ei, Fisch, Fleisch und Honig. Bis auf Honig, alles Lebensmittel, welche einen sehr geringen Kohlenhydratanteil aufweisen und daher oft in der Low-Carb-Ernährung verwendet werden. So mit gilt eher das Gegenteil: Bei dem Sprung zur veganen Ernährung erhöht sich der Kohlenhydratanteil in der Regel immens, da man sich größtenteils von Getreide, Obst und Gemüse ernährt. Sicher kann man auch die meisten seiner Kalorien über Bohnen, Nüsse und Avocados bekommen, das halte ich jedoch für eher selten. Ohne das weiter auszuführen, noch eine kleine Notiz am Rande: Kohlenhydrate sind sehr gesund; es sind die isolierten (Haushaltszucker, weisses Mehl), die uns krank und dick machen.
Auch wenn es „allgemein bekannt“ ist, stimmt es also nicht. Vegan ist gesund, aber nicht aufgrund der geringen Kohlenhydrat-Zufuhr.

Zurück zum Thema – was möchte ich euch damit eigentlich sagen? Was ist die Moral dieser wenigen Worte am Sonntag Morgen? Insgeheim fühle ich mich wie ein kleiner Immanuel Kant und fordere euch auf, euren Verstand zu benutzen. Was Aussagen über Ernährung betrifft, die sich momentan wie Sand am Meer häufen, aber auch was jegliche andere Einwürfe zu jeglichen anderen Themen angeht. Zu oft werden Meinungen einfach aufgesaugt und übernommen, der Verstand sitzt tatenlos daneben. Nach Jahren der seltenen Benutzung ist er etwas eingerostet – dieser Beitrag soll ihn ölen. Nehmt nicht alles für Bares und legt die Illusion ab, etwas mit „Das ist doch allgemein bekannt“/“Das weiß man doch“ begründen zu können. So funktioniert das nicht!

Und wie funktioniert es dann?

Zur Feier dieses Sonntagswortes, lasse ich euch einige Links zu Youtubevideos da, die erklären, wieso Veganismus gesund UND ethisch vertretbar ist. Was nämlich noch schlimmer ist, als Meinungen einfach zu übernehmen, ist, sich anderen Stellungsnahmen zu verschließen, da sie das vorhandene Weltbild zum Schwanken bringen. Es geht nicht darum, euch zum Veganismus zu zwingen – ich selbst ernähre mich nicht vegan – sondern darum, die Veganer nicht als irrationale Randgruppe zu betrachten, die eine ungesunde, zum Tod führende Ernährung propagiert. Was hätten sie denn davon? Die Milch- und Fleischindustrie dagegen macht eine Menge Kohle!

Jetzt wo wir jung sind, müssen wir die Möglichkeit ergreifen, unser noch flexibles Weltbild täglich ins Schwanken bringen, es hier und da zu flicken, auszubessern und mit offenen Augen durch die Welt laufen. Es muss euch kein Kompass den richtigen Weg weisen, öffnet eure Augen, schaltet das Köpfchen ein und ihr werdet schon erkennen, wo es langgeht, und wo nicht – und dabei ist es vollkommen egal, wie viele andere Menschen jeweils welche Abzweigung vor euch genommen haben.

Übrigens: Ihr braucht kein Soja in eurem Leben. Genießt den Sonntag und sagt mir, was ihr von dem Thema haltet. Habt ihr euch selbst schon Meinungen einfach angeschlossen oder Trends mitgemacht, obwohl sie total hirnrissig waren? In welchen Bereichen denkt ihr, ist etwas mehr Menschenverstand oftmals angebracht? xx Ana

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6 Comments

  • Tessa 24. Juli 2016 at 09:53

    Hey Ana,
    ein sehr guter Post und kann dir nur zustimmen! Ich lebe seit Jahren vegetarisch und muss immer wieder zu hören bekommen, wie schädlich es ist OHNE Fleisch bzw. Fisch zu leben. Tatsache ist aber, dass- sofern man sich mit dem Thema auseinander setzt, es gar nicht so schädlich ist. Momentan überlege ich auch Veganer zu werden aus gesundheitlichen und ethischen Gründen (und nicht weil es gerade „in“ ist) Meiner Meinung nach wird unsere Vorstellung sehr von den Medien kontrolliert: Mit jedem Bericht, vor allem die zur gesunden Ernährung oder den neusten Diäten, wird unsere Wahrnehmung beeinflusst. Viele Menschen sind einfach zu faul ihren eigenen Verstand einzusetzen, weshalb manche Soziologen schon fordern, dass wir eine neue Aufklärung brauchen.
    Einen Trend, den ich schon mal mitgemacht habe, war die Low- Carb Ernährung. Im Nachhinein fand ich es hinrissig, da Kohlenhydrate sehr wichtig sind und ich in dieser Zeit sehr oft Hunger hatte. „Die Angst vor den Kohlenhydraten“ sind meiner Meinung nach unbegründet, da bei einer gesunden Ernährung alle lebenswichtigen Nährstoffe eingebunden sein müssen- und dazu zählen auch gesunde Kohlenhydrate
    Mach weiter so
    Tessa

    Reply
    • Ana 29. Juli 2016 at 16:18

      Krass die Sache mit der neuen Aufklärung. Von welchem Soziologen hast du das denn gehört?
      Oh nein Low Carb ist ja wirklich DAS Paradebeispiel für doofe Trends! Etwas unscheinbarer und moderner: Die Angst vor Fett. Dabei kann man von allem gesunden getrost etwas essen – nur sollte es am Ende nicht zu viel sein. 😉
      Daaaaanke <3 xx Ana

      Reply
  • Svenja 26. Juli 2016 at 14:31

    Finde den Artikel sehr gelungen, vielen Dank dafür!!! Ich finde es auch wichtig, wenn neutral und sachlich die Fakten berichtet würden. Viel mehr, ich ernähre mich vegan, werde ich immer mit Vorurteilen angegiftet wenn ich wenn neues (Party, bei Freunden, etc) kennen lerne und der jenige mitbekommt, das ich mich vegan ernähre. Ich gehe nicht daher und kritisiere jeden der tierische Produkte zu sich nimmt. Hingegen werde ich oft sehr stark kritisiert… Und mit den immer wieder gleichen Vorurteilen konfrontiert. Fühlen sich nicht Veganer innerlich davon kritisiert, wenn sie einem Veganer begegnen und der aus ethischen gründen keine Tierprodukte isst, sie selbst aber schon?!

    Neulich wurd ich auf einem Geburtstag gefragt ob vegane Ernöhrubg nicht ungesund sei, wegen dem B12 Mangel. Ich konnte sachlich auf die sachliche, interessierte Meinung antworten und Beide Seiten fühlten sich respektiert.

    Lg Svenja

    Reply
    • Ana 29. Juli 2016 at 16:23

      Sehe ich ähnlich 🙂
      Finde es auch immer super toll, wenn Leute dann nachfragen, weil sie es wirklich wissen wollen und nicht um einen in die doofe Situation zu bringen sich für die Ernährung zu rechtfertigen.

      xx Ana

      Reply
  • Kathrin 26. Juli 2016 at 15:01

    Liebe Ana!
    Du hast wieder ganz tolle und klare Worte für dieses viel diskutiere Thema gefunden.
    Ich persönlich ernähre mich sehr bewusst, dass bedeutet, es ist mir wichtig das ich regional einkaufe und vor allem auf saisonales Obst und Gemüse achte. Ich esse Fisch und Fleisch, so leid mir die Tiere auch tun, Gewohnheiten sind nicht immer so leicht zu ändern, auch wenn das keine Ausrede sein darf. Zumindest brauch ich nicht Tag täglich Tierprodukte, dass ist mir sonst wirklich zu viel. Manchmal gibt es auch Tage, an denen ernähre ich mich vegan und das ist auch fein und manchmal Paläo. Es ist einfach schön „spielerisch“ mit den Lebensmitteln zu sein, auszuprobieren und sich nicht an strikte Diäten zu halten.
    GLG Kathrin

    Reply
    • Ana 29. Juli 2016 at 16:24

      Finde ich gut – kleine Schritte sind ja besser als keine Schritte und wie du schon sagst – nicht jeder will sein ganzes Leben sofort umkrempeln. 😉 Wichtig ist mir in erster Linie nur, dass Veganer nicht so gehatet werden, weil sie im Grunde niemandem schaden damit.

      xx Ana

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