Ist Mode Kunst?

Ana - 15. Oktober 2018

Einige Tage ist es her, da ertappte ich mich dabei, wie ich volle zwei Stunden durch YOOX scrollte: Bilder und Bilder und Bilder an hochpreisigen Damenkleidern, u.a. von Designern, die selbst Modelaien wieder erkennen werden. Mich selbst dabei zu erwischen, wie ich mit dem Gedanken spiele, eine dreistellige Summe für Kleidung auszugeben, ist nicht unbedingt leicht für mich. Ich wuchs in einem Elternhaus auf, in dem “ die Marken“ geradezu verabscheut wurden. Mit dem hohen Preis zahlt man nur die Marke“ (Als wäre „die Marke“ ein ungewolltes verstecktes Anhängsel, das dem Kunden untergeschoben wird). Der Kauf von ungerechtfertigt teurer Kleidung hatte in meinem Kopf sogar den bitteren Nachgeschmack einer unmoralischen Handlung. Deshalb versuchte ich lange rein pragmatisch zu denken: Kleidung hält mich warm, ich soll mich darin wohlfühlen und sie soll dem Anlass des Tragens entsprechen. Das wars’s. Mehr ist da nicht.

Lässt man es dabei beruhen, dann müsste das Wort „Mode“ gar nicht existieren. Dann können wir einfach nur Kleidung sagen. Doch Mode existiert. Sie ist eines der leitenden Motive, die mich auf die Bilder-Suchmaschine Pinterest treiben. Die Branche, die sich ihr bathlongwidmet, zahlt Millionen von Menschen ihren Lohn. Sie lässt mich zwei Stunden lang fasziniert auf mehr oder weniger abstrakte Kreationen von Kleidungsmachern schauen.

Ein Freund erzählte mir letztens von der neuen Prada Kollektion und seinem Vorhaben sich eine Bumbag für 600€ zu kaufen. Meine Reaktion war nur ein genervtes Augenbrauenhochziehen. Wtf. Er versuchte sich zu erklären: Für jede andere würde er nichtmal 60€ zahlen, aber hier: Diese Kollektion sei Kunst! Das gesamte Paket – von Design, Geschichte, Message und den ausgewählten Models – überzeugte ihn davon, dass diese Bumbag (deren materieller Wert um die 5€ liegen könnte) 600€ wert sei.
„Mein Geld ist eine Version meiner Macht. Ich liebe Kunst und ich will einen Teil meiner Macht in sie investieren.“ Ok, Prada-Bumbag = Kunst. Ich finde diese Sichtweise faszinierend, weil ich es bisher nicht so betrachtete. Vielleicht liegt das an meiner besagten Kindheit.

Interessanterweise findet meine Familie Gemälde und Kunstwerke toll und investiert gerne darin. Dabei liegt der rein materielle Wert eines Gemäldes ebenfalls weit unter seines Verkaufspreises. Während ich die Sichtweise vertrat, dass große Modekonzerne uns mit Businessmanieren ausnehmen wollen, waren Künstler… eben Künstler. Ihnen viel Geld für eine Leinwand mit etwas Farbe zu geben, erschien mir wie eine intellektuelle Entscheidung –  600€ an Prada zu zahlen dagegen, als würde Prada dem Zahler K.O. Tropfen in den Kräutertee kippen, um ihn anschließend zu berauben.

Über Gedankenwege wie oben beschrieben kam ich auf das Thema Kunst und Geld. Inspiriert durch die Arbeitsgruppe „Kunst und Transformation“ der Heinrich-Böll-Stiftung schließlich auf das Thema Kunst und Kapitalismus. Passen die beiden Dinge zusammen? Rein assoziativ vielleicht nicht, aber doch ist es vor allem der Kunstmarkt, an dem man die Rolle des Markts für die Bestimmung eines Wertes veranschaulichen kann. Was ist wie viel wert? Was ist überhaupt Kunst? Ist Mode Kunst? Intuitiv können die meisten von uns diesem zustimmen. Aber warum? Ab wann ist etwas Kunst?

Ist ein Stück Stoff an sich schon Kunst? Wenn nein, was für Voraussetzungen muss es erfüllen, damit wir es Kunst nennen können? Muss diesem Stück Stoff mindestens ein Gedanke gewidmet werden, der ÜBER deren rein pragmatischen Wert hinaus geht? Ist Kleidung dann Kunst, wenn sie einen Gedanken der Ästhetik verfolgt? Auch der Begriff Ästhetik ist interessant. Wir könnten sagen, etwas sei ästhetisch, wenn es den universellen Prinzipien der Schönheit folgt, also bestimmten Regeln aus der Kognitionswissenschaft, die von Menschen universell als schön empfunden werden (z.B. Symmetrie). Genauso gibt es aber auch die Ästhetik des Hässlichen, die etwas in dem Moment anpreist, in dem es diese Prinzipien des Schönen signifikant bricht (übergroße Turnschuhe, asymmetrische Kleidung and many others).

Ich denke, ich einige mich mit mir selbst darauf, dass ein ästhetischer Wert (wie auch immer der dann aussieht) ein Kriterium dafür darstellt, dass Kleidung Mode ist und Mode Kunst.

Ist Bewusstsein ein notwendiges Kriterium für Kunst? Es kann ein modischer Akt sein, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu schminken oder sich bewusst NICHT zu schminken, sich bewusst keinen BH anzuziehen oder bewusst einen Hijab zu tragen, obwohl alle wissen, dass man christlich getauft wurde. Mode kann politisch sein und Identität schaffen. Was ist, wenn ich morgens zu konzentriert meinen Podcast höre und mir Foundation und Lippenstift ins Gesicht kleistere, dann aber die Wimperntusche vergesse? Völlig unbeabsichtigt. Und mich beim Bemerken unglaublich schäme (based on a true story). Ist es dann Teil „meiner“ Mode, hingegen des status quo ( = Wimperntusche tragen, wenn du Lippenstift trägst) keine Wimperntusche zu tragen? Ist es Mode, wenn ich etwas potentiell beabsichtigt Wirkendes komplett unbewusst mache (btw heute würde ich den „Roten-Lippenstift-Ohne-Wimperntusche“-Look absolut beabsichtigt tragen)?

Viel zum Nachdenken. Für mich zumindest (wie ihr vielleicht merkt sind die Worte oben noch nicht mal die Einleitung eines hochwertigen Essays wert). Und vielleicht auch für euch, falls es euch interessiert. Definitiv etwas, worüber ich vielleicht mit den Leuten von „Kunst und Transformation“ spreche. Darüber werde ich euch ein anderes Mal erzählen.
Habt eine schöne Woche, bye! xx Ana

(Falls ihr Blut geleckt habt, interessiert euch vielleicht die folgende Doku. Es gibt unglaublich gute modekritische Dokumentationen, z.B. The True Cost. Diese hier habe ich gerne geschaut, weil sie aus der Modebranche heraus gefilmt wurde (von BritishVogue produziert) und somit eine andere, nicht komplett ablehnende Perspektive vermittelt. Und wegen Alexa Chung. Aber das erklärt sich fast von selbst.)

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