Lies noch ’nen Ratgeber:
Über Self-Improvement-Bücher

Ana - 8. September 2017

[Sorry, für die Handkamera-Qualität der Fotos. Momentan liegen einige Kilometer zwischen mir und meiner heiß geliebten Kamera.]

„Ich lese gerne“, sagt der BWL-Student einen Tisch weiter in der kleinen Kneipe zu einer meiner Freundinnen.

„Ach echt?“ Sie wirkt interessiert, beeindruckt. Und dann liest er auch noch gerne… sie beugt sich über den Tisch, kommt ihm ein Stück näher und lächelt. „Was liest du denn zum Beispiel so?“ In meinem Kopf spielt jemand Trommelwirbel ein, ich versuche unauffällig zu lauschen, denn das würde mich jetzt auch interessieren. „Self-Improvement Bücher“, sagt er stolz. Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, die Welt würde sich aufhören zu drehen. Self-Improvement-Bücher? Was war denn das nochmal?

Bilder rasen vor meinem inneren Auge vorbei: Reihen von Tischen voller Bücher. Ihre Titel versprechen mir, die Tipps zuzuflüstern, die mich zum Erfolg bringen. Sei es zur perfekten Figur, zur steilen Karriere, zur Stressbewältigung, zur Yoga-Pose, zur Meditation, zur guten Mutter, zur Herrin über den inneren Narzissmus (ohne Witz, hab ich letztens erst beim Stöbern entdeckt). Ich verdrehe die Augen – das nicht so unauffällig. Klar, das sind Bücher und man kann sie lesen, aber ist das wirklich DAS Lesen von Lesen? Ich bin der Meinung „Nö“ und so verliert der BWL-Student, der nun dem Klischee seines Studiengangs mehr als gerecht wird, schlagartig an Sympathiepunkten. Das Traurige an der ganzen Sache: Ich tue dem armen BWL-Studenten irgendwie Unrecht, denn auch ich bin ab und zu angefixt von diesem Trend der Self-Improvement-Bücher, der die Romane, Kurzgeschichten, Gedichte in den Hintergrund rücken lässt.

selfimprovement1Scheint auch erstmal nichts falsch zu sein an einem Gegenstand, der Self-Improvement im Namen trägt, oder? Sich selbst zu verbessern, an sich zu arbeiten, zu wachsen – ist das nicht, was wohl mancher Philosoph den Sinn unserer Existenz nennen würde? Stimme dem vollkommen zu. Was mir nur plötzlich so gewaltig auf die Nerven geht, ist nicht die Existenz solcher Bücher. Viel eher ist es die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit ihnen umgeht und welche Attraktivität sie mittlerweile in dieser gewonnen haben. Schaut man sich mal an, wie viele Regale sie füllen und wie häufig Blogger und Blogger derzeit ebensolche Bücher rausbringen, ist die Rolle dieser Bücher eine ziemlich beträchtliche. Es kommt mir vor, als gehöre es zum guten Ton, als Person der Öffentlichkeit ein Buch mit Tipps zu einem beliebigen Thema zu veröffentlichen. Und ein jeder Jedermann, der etwas von sich hält, hat zu Hause auch einen oder mehrere solcher Lebensratgeber, welche Schritt für Schritt erklären, wie dies und jenes getan sein sollte, um ein erfülltes Leben zu leben. Für manch einen bedeutet das 10kg abzunehmen, für manch anderen die Beförderung im Job, für den Dritten ein narzissmusfreies Leben (oder so). Wie auch immer. Eigentlich toll, wenn man da Tipps bekommt und einem eine Lektüre zur Seite steht.

Aber… bringt das Lesen eines Self-Improvement-Buches einen wirklich näher an sein Ziel? Sicher enthalten viele Bücher nützliche und neue Informationen, allerdings sind auch viele dabei, welche eigentlich nur andere Quellen paraphrasieren und ausschmücken (am liebsten mit autobiografischen Infos). Somit dienen sie einzig und allein der Geldmacherei. Weiterbringen tun sie dich als Leser nur in den seltensten Fällen. Und noch schlimmer: Mir scheint es, als würden wir mit diesen Ratgebern eigentlich nur einen sozial akzeptierten Vorwand für die heißbegehrte Prokrastination suchen. Sie sind ein neues Zwischenstadium in dem Vorsatz-Ziel-Dilemma. Früher gab es „Phase 1: Vorsatz machen“ und „Phase 2: Umsetzen“. Dass der Weg von Phase 1 zu Phase 2 steinig ist, zeigt der (Miss-)Erfolg der Neujahrsvorsätze. Verurteile ich nicht, auch ich habe schon einige Neujahrsvorsätze in den Sand gesetzt. Pläne schmieden und Vorfreude genießen macht weitaus mehr Spaß, als das eigentliche Händeschmutzigmachen. Deshalb verschieben wir Phase 2 guten Gewissens etwas nach hinten. Phase 1,5: Lies ’nen Ratgeber.

Weil… man muss ja heute informiert sein. Wäre ja dumm, wenn man sich da in was reinstürzt ohne vorher die Fakten studiert zu haben. Leider hat das Lesen von den meisten Ratgebern wenig mit Recherche zu tun. Viel eher ist es roher Konsum – tu dies, tu das, tu jenes. Jeder Autor hat was anderes zu empfehlen, vermittelt seinen Lebensstil jedoch wie das Wundermittel für alle. Meist basiert die Qualifikation des Autors auf seinem Bekanntheitsgrad. Schwierig.

Wenn dann die Tipps des „erfahrenen Coaches“ nicht klappen, nachdem man sie doch nun bereits ganze 8 Stunden anwendet, liest man halt den nächsten Ratgeber zum Thema. Gibt ja genug. Nach dem Beenden der zweiten Lektüre, glaubt man endlich DEN Weg gefunden zu haben, ehe auch dieser keine Resultate zeigt, nachdem man diszipliniert (diesmal ganze 10 Stunden) nach den Prinzipien des Autors gelebt hat.  Kein Problem – dann jagt man dem nächsten Bestseller hinterher (Übrigens: Bestsellerlisten sind kein Qualitätsmerkmal. Sie sind ein Ranking, welches auf Verkaufszahlen basiert). Während man also auf dem Weg zur Selbsterfüllung Tipps anderer hinterherrennt, bleibt eines auf der Strecke: Und das ist der Verstand.

Die Infos, die wir brauchen, haben wir meist – oder finden sie mit einer einfachen Google Recherche. Was oftmals fehlt, ist all die Schnipsel zu kombinieren und sie dann (endlich!) anzuwenden. Ich bin der Meinung, dass man auch ohne 20€-teuren Ratgeber darauf kommt, dass wenn man seit Monaten nicht schlafen kann, von Magenschmerzen geplagt ist und quasi nur noch durch Koffein aufrecht gehalten wird, überlastet ist. Dass man sich locker machen und etwas mehr schlafen muss, um weniger Stress zu haben. Dass man, wenn man nie etwas zu Ende stellt, das Multitasking sein lassen und stattdessen probieren kann, eine Aufgabe nach der anderen zu bearbeiten. Dass man langsamer essen und mehr trinken und weniger Scheiß essen soll, wenn man das Gefühl hat, dass man 10kg abnehmen muss. Dass man erst einmal eine Runde um den Park joggen kann, ehe man sich den Ratgeber für Laufanfänger holt, der direkt schon die ersten Dehnübungen für nach dem Laufen vorstellt. Das alles nur kleine Beispiele am Rande.

Während man sich also reinzieht, wie man sein Leben zu leben hat und kaum noch selber nachdenkt, sich durch die 47394 Tausend-Life-Advice-Bücher stöbert, von denen es immer mehr gibt, weil doch auch jeder anders lebt und andere Methoden für sich entdeckt hat, tritt man auf der Stelle. Steckt in Phase 1,5 fest und kommt der wichtigsten Phase des „Self-Improvements“ nicht näher: Der Umsetzung.

Wie sieht Umsetzung konkret aus? Ich verrate es euch, auch wenn ich mir sicher bin, dass ihr auch mit ein wenig Nachdenken selbst drauf kommen werdet: Man sitzt nicht nur rum, zieht sich Infos rein und wartet auf den Moment, an dem man sich endlich bereit fühlt, um etwas zu tun. Stattdessen denkt man kurz darüber nach, bedient sich seines Verstandes und probiert es zaghaft aus. Und dann schaut man, was bei einem selbst klappt und was irgendwie überhaupt nicht. Und die ganze Zeit ist man am Tun und am Leben und mittendrin, statt hinter der Plexiglasscheibe. Denn als Zuschauer nimmt man die Dinge eh nicht so wahr, wie sie dann tatsächlich in der Situation sind. Vielleicht scheitern deshalb alle Vorsätze – weil niemand sich dafür interessiert, wie es sich dann anfühlt, wenn man mittendrin steckt – dann ist es plötzlich ganz anders als hinter der Scheibe. Und das macht einem dann Angst und man rennt zurück in den Zuschauerraum. Oder in die Theorie.

lifeisshort

Instagram: @bodeburnout

Ich will ja konstruktiv sein und nicht nur meckern. Daher mein Vorschlag, wie man es besser machen kann: Man kann sich ja ab und an zurück ziehen, reflektieren, vielleicht mal von dem ein oder anderen (sogar vom Life-Advice-Buch-Autor oder dem BWL-Studenten) einen Erfahrungsbericht einholen, und dann einfach mal selbst probieren. Die Fehler von Lohhausen begehen wir schließlich alle sowieso, doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Die Meinungen und Ratschläge anderer kann man gerne als kleinen Teil der Recherche, aber bitte nie als „1 zu 1“-Anleitung nehmen. Den Rest der Infos holt man sich aus dem Leben selbst, den eigenen Erfahrungen und vielleicht sogar aus dem eigenen Bauchgefühl (sicher gibt es auch einen Ratgeber „So hörst du auf dein Bauchgefühl“, aber mal im Ernst!). Mag sein, dass es Spaß macht, sich im Stadium der Vorfreude im Kreis zu drehen, anstatt sich in den Frust der Umsetzung zu stürzen; doch es soll wohl ein Gefühl geben, was der Vorfreude Konkurrenz macht: Der Stolz auf sich selbst, etwas erkannt zu haben. Nicht jeder Schritt wird erfolgreich sein, aber nichts ist mehr „Self-Improvement“, als die Dinge selbst zu erleben und Lehren aus den eigenen Erfahrungen zu ziehen, anstatt nur davon zu lesen.

selfimprovement4

[Klappentext: Nietzsche – Wie man wird, was man ist]

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4 Comments

  • Tabea 8. September 2017 at 18:28

    Ach ja – Self Improvment ist im Moment doch echt überall anzutreffen: In Zeitungen, in Büchern, auf Blogs…
    Und ehrlich gesagt bin ich davon schon ein klein wenig genervt, denn ich würde es viel schöner finden, wenn mehr Menschen sich entweder so mögen, wie sie sind, oder einfach eine Veränderung in Angriff nehmen würden statt noch 5 weitere Bücher zu dem Thema zu lesen.

    Trotzdem muss ich aber zugeben, dass ich sowas manchmal auch lese… also auf Blogs lese ich gerne Tipps, wie man minimalistisch / ökologisch / gesund leben kann und ab und zu lese ich auch Ratgeber, um besser zu reiten oder zu fotografieren. Aber das finde ich okay, weil man sich ja irgendwie auch weiterbilden muss, wenn man besser werden möchte – und nicht jeder kann sich teure Kurse zeitlich und finanziell leisten. Aber wenn es nicht um das Erlernen von Fähigkeiten sondern um eine Änderung der Persönlichkeit geht, dann werde ich doch skeptisch.

    Aber vielleicht kommt meine ABneigung gegen solche Bücher auch davon, dass sie mir zu umfangreich scheinen – da habe ich ANgst, dass das Thema mich am Ende so sehr langweilt, dass ich keinen Tipp aus dem Buch umsetzen möchte. Mit Phase 1,5 von Zielen beschreibst du meine Gedanken also sehr treffend 😉

    Die „Verpflichtung“ sowas zu lesen und besitzen, mag ich auch nicht… noch weniger die, dass man erst dann ein „guter“ Blogger zu sein scheint, wenn man selbst so was veröffentlicht hat.

    Übrigens – zu den Bestsellerlisten: Warum schaffen es manche Bücher kurz nach ihrer Erscheinung schon darein? Und wo werden eigentlich wirklich gute Neuerscheinungen beworben bzw. gelistet?

    Dein Tipp, zu probieren und einfach zu machen und Fehler auch in Kauf zu nehmen, ist wohl echt der wichtigste, um „ein besserer Mensch“ zu werden! Genau nach diesem Motto versuche ich also schon länger mein Leben zu gestalten. Und Stolz auf eigene Errungenschaften ist eben unbezahlbar 😉

    Liebe Grüße

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