Übers Stipendium: „medienvielfalt, anders“ der Heinrich-Böll-Stiftung

Ana - 28. April 2017

Heutiges Thema: Stipendien. Besser gesagt, ein bestimmtes Stipendium. Nach langen Grübeleien und Zweifeln, habe ich mich dafür entschieden, euch so ausführlich wie derzeit möglich, über das Journalismus-Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung aufzuklären. Leider werden Stipendien selten auf unkonventionellen Foren oder Blogs besprochen – die einzigen Quellen, die über Stipendien Auskunft geben, berichten ausschließlich über Studium und Karriere und mystifizieren somit ungewollt das Thema Stipendium. Das Synonym von Stipendium lautet „Begabtenförderung“ – nur die wenigsten würden sich selbst als Begabte einstufen. Daher entsteht oft der Eindruck, man müsse ein 1,0-Abitur, keine Freizeit jenseits des gesellschaftlichen Engagements oder einen perfekten Überblick über das politische Geschehen haben, um auch nur eine Chance auf ein Stipendium zu haben. Das ist Quatsch. Daher vorab: Informiert euch und bewerbt euch einfach! Da ich damit rechne, dass die Leute, die meinen Blog verfolgen, meine Ansichten und Interessen teilen, könnte das Stipendium, welches mich derzeit fördert, auch für euch etwas sein. Im Folgenden also ein ellenlanger, aber informativer (!) Einblick in die Story „Ana meets Stipendium“.

Stipendien und ich

Nach dem Abitur war mir klar, dass ich sofort mit dem Studium beginne, falls ich es schaffe, mich für ein Studienfach zu entscheiden. Schließlich ist es die Psychologie geworden – eine Entscheidung, an der ich nur in wenigen Momenten gezweifelt habe. Nach Abschluss des ersten Semesters sind diese Zweifel verflogen: Ich stehe voll und ganz hinter meinem Studienfach und freue mich sogar auf das zweite Semester. Das zu diesem Thema. 😉 Die Oberstufenverwaltung meines Gymnasiums wollte mich für die Förderung der Studienstiftung des Deutschen Volkes, die bekannteste Stiftung, die Stipendien vergibt, vorschlagen. Um zu dem Auswahlseminar eingeladen zu werden, braucht man eine Empfehlung der Schule. Somit „castet“ die Stiftung jährlich die besten Abiturienten Deutschlands (das sind sehr viele!) und sucht aus diesen dann einen kleineren Kreis aus (das sind immer noch sauviele!). Für mich war die Empfehlung eine große Ehre, aber auch ein Wachmacher zugleich. Ich begann mich über andere Förderungen zu informieren. Nach langer Recherche kam nur das Deutschlandstipendium und das Journalismus Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung für mich in Frage.

Die Studienstiftung des Deutschen Volkes schaut sich unglaublich viele Studienanfänger jährlich an. Unter meinen Mitstudenten (nö, wir sagen NICHT Kommilitonen) sind bestimmt mindestens 50% ebenfalls für dieses Stipendium vorgeschlagen worden. Mein Termin für das Auswahlseminar war dementsprechend sehr spät. Als ich die Zusage für das Stipendium bei der Heinrich-Böll-Stiftung erhielt, sagte ich also meinen Termin bei der Studienstiftung ab. Was also dieses Bewerbungsverfahren anbelangt, kann ich euch leider keine Infos geben. Also weiter zu dem „medienvielfalt, anders“-Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung.

Was ist die Heinrich-Böll-Stiftung?

Die Heinrich-Böll-Stiftung ist eine politische Stiftung, welche der Partei Bündnis 90/Die Grünen nahe steht. Laut eigener Auskunft:

Die Stiftung versteht sich als Agentur für grüne Ideen und Projekte, als reformpolitische Zukunftswerkstatt und internationales Netzwerk mit Partnerprojekten in rund 60 Ländern. Sie kooperiert mit 16 Landesstiftungen in allen Bundesländern.

Heinrich Bölls Ermutigung zur zivilgesellschaftlichen Einmischung in die Politik ist Vorbild für die Arbeit der Stiftung. Ihre vorrangige Aufgabe ist die politische Bildung im In- und Ausland zur Förderung der demokratischen Willensbildung, des gesellschaftspolitischen Engagements und der Völkerverständigung. Dabei orientiert sie sich an den politischen Grundwerten Ökologie, Demokratie, Solidaritätund Gewaltfreiheit. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Verwirklichung einer demokratischen Einwanderungsgesellschaft sowie einer Geschlechterdemokratie als eines von Abhängigkeit und Dominanz freien Verhältnisses der Geschlechter.

Darüber hinaus fördert die Stiftung Kunst und Kultur als Element ihrer politischen Bildungsarbeit und als Ausdrucksform gesellschaftlicher Selbstverständigung.

Aus meiner eigenen Erfahrung ist die Heinrich-Böll-Stiftung eine sehr gut organisierte und sehr offene Stiftung. Chancengleichheit, Genderpolitik und Nachhaltigkeit sind die Themen, die mir während meiner Zeit in der Stiftung am häufigsten zu Ohren gekommen sind. Seit ich Stipendiatin der Stiftung bin, verstehe ich die Bedeutung des Gendersstars, lerne Berlin Mitte immer besser kennen und muss mich bei keiner Veranstaltung beim Catering unbehaglich fühlen, weil ich das Fleisch oder die Sahnesoße nicht essen möchte. Ich habe noch nie (!) so (!) leckeres vegetarisch-veganes Catering gehabt, wie bei der HBS. Außerdem kann ich mich glücklich schätzen, Studierende aus ganz anderen Städten mit den verschiedensten Studienfächern kennen zu lernen. Dazu auch drei Studierende, die vor weniger als 5 Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen sind. Natürlich hat die HBS ihre Mängel und Widersprüche sowie Aspekte, an denen sie noch feilen muss. Allerdings bietet sie den Stipendiaten eine Bühne, um Kritik zu äußern, welche auch ergriffen wird. Letztes Wochenende hörte ich die Diversity-Beauftragte sagen, dass der durchschnittliche Böll-Stipendiat immer noch weiß, männlich und Politik-Student sei. Jemand gab zu, sich bei den Toiletten weder vom „Ladies“- noch vom „Gentlemen“-Schild angesprochen zu fühlen. Applaus bekam eine junge Stipendiatin, die das Vorstandsmitglied Barbara Unmäßig darauf hinwies, dass man mit dem Spruch „Ladies First“ nicht bestimmen kann, wer in einer Diskussion als nächstes zu Wort kommen darf. Auch die Frauenquoten wurden kritisch hinterfragt. Lange Rede, kurzer Sinn: Als Stipendiat*in der Heinrich-Böll-Stiftung wird man nicht zum politischen Hooligan oder zum Schoßhündchen der Stiftung und erst recht nicht zum blinden Fan der Partei „Die Grünen“. Viele sind Mitglieder bei der Grünen Jugend, doch viele eben auch nicht. Ich für meinen Teil wollte auf keinen Fall irgendeiner Partei beitreten und war daher zu Beginn des Auswahlverfahrens sehr skeptisch, ob ich den Grünen Stempel jetzt aufgedruckt haben möchte. Aber Entwarnung: Ich bin politisch die Alte geblieben, darf kritisieren, wen ich mag, aber habe mehr Zugänge zu Wissen, Informationen und Diskussionsplattformen. Und ich weiß, wer Heinrich Böll war. Das zähle ich zu den größten Bereicherungen.

Und was ist das Sonderprogramm „medienvielfalt, anders“?

Falls ihr es noch nicht mitgekriegt habt: Die HBS ist eine politische Stiftung. Auch wenn ich Politik interessant und wichtig finde, war sie noch nie mein Steckenpferd und ich auch nie Experte oder politisch engagiert. Innerhalb des Stipendiums bietet die Stiftung aber noch ein Sonderprojekt namens „medienvielfalt, anders“ an. Dieses richtet sich an Nachwuchsjournalist*innen mit Migrationshintergrund. Somit handelt es sich – ganz plump gesagt – um ein Quotenprojekt.

Zum Bewerbungsverfahren

Wenn ich daran zurückdenke, wird mir fast schlecht. Bürokratie, Leute! Bürokratie. 13 Seiten Bewerbungsschreiben, zwei Gutachten, Zeugnisse und Arbeitsproben (nur für die Nachwuchsjournalist*innen). Ich hing viele Stunden über meiner Bewerbungs-Checkliste, kontaktierte Lehrer und Vorstände, um an Gutachten zu kommen, und las peinlich berührt der besten Freundin (die derzeit nicht in Deutschland war) meine Bewerbung am Hörer vor.

Nach der Online-Bewerbung wird man zu einem Bewerbungsgespräch mit einem Dozenten eingeladen. Dort wird man zum Lebenslauf sowie zu politischen Themen befragt. Mir wurden Fragen zur Europapolitik, sowie zur Digitalisierung von Medien gestellt. Zu beiden hatte ich mich nicht aktiv vorbereitet, wusste aber trotzdem irgendetwas zu sagen. Lest etwas Zeitung vorher und informiert euch über den Lebenslauf des Dozenten. Niemand erwartet, dass ihr über Details zu jedem Thema aus den Medien Bescheid wisst (!), noch, dass ihr ein Muster-Grüner seid. Mein Bewerbungsgespräch entpuppte sich als ein interessantes und ausgeglichenes Gespräch. Ich gab zu, dass ich mich auf keinen Fall einer Partei zuordnen will, dass ich es nicht fair finde, mich direkt als erstes Thema zur Griechenlandpolitik zu befragen, nur weil meine Familie aus Griechenland stammt, und verteidigte die Digitalisierung der Medien, statt sie zu kritisieren. Vom Dozenten kamen Widerworte, neue Eindrücke und auch viel Wissen aus dessen Forschung. Es gibt kein Richtig oder Falsch, also braucht ihr euch vor diesem Gespräch nicht zu fürchten.

Schritt 3 der Bewerbung ist ein Auswahlseminar in der Heinrich-Böll-Stiftung selbst. Dieses besteht aus einer Diskussion mit anderen Stipendiat*innen und einem Bewerbungsgespräch mit der Kommission. Auch hier kann ich euch für die Vorbereitung raten, euch über die Stiftung, eure Gesprächspartner und grob über die Topthemen aus den Nachrichten zu informieren. Und natürlich eure Bewerbung ausführlich zu lesen, aber das sollte selbstverständlich sein! An einigen Stellen wird die Kommission versuchen, euch aus dem Konzept zu bringen. Sie blickt dann mal misstrauisch oder kommentiert kritisch, um euch das Gefühl zu geben, nicht eurer Meinung zu sein (vielleicht ist sie das ja auch wirklich). Allerdings ist es nicht eure Aufgabe als Stipendiat*in alle Ansichten der Kommission zu teilen. Solange ihr eure Aussagen vertreten könnt, braucht ihr nicht zurückzuweichen oder euch verunsichern zu lassen. „Man selbst sein“, ist ein klischeebehafteter Ratschlag, aber er ist wahr. Also seid selbstbewusst und steht hinter eurer Meinung. Werdet ihr aufgrund eurer Ansichten abgelehnt, dann ist das schließlich für beide Seiten das Beste.

Was tue ich als Stipendiat*in im Sonderprogramm?

Derzeit befinden sich nur rund 20 Stipendiaten im Medienprogramm. Im Veranstaltungsprogramm der Stiftung findet man regelmäßig Events und Workshops für die Nachwuchsjournalist*innen. Vor zwei Wochen nahm ich beispielsweise an einem Porträt-Workshop teil, welcher von zwei Journalisten organisiert wurde, die bei der ZEIT und der taz arbeiten. Auch Stipendiaten des einfachen HBS-Stipendiums dürfen an den Journalismus-Events teilnehmen und vice versa.

Im Unterschied zum einfachen HBS-Stipendium sieht das „medienvielfalt, anders“-Programm zwei Praktika im Bereich Medien vor sowie die Teilnahme an einer bestimmten Anzahl von Journalismus-Veranstaltungen. Neben diesen Formalia lebt das Stipendium vom Austausch zwischen Stipendiat*innen untereinander und Alumni. Der Umgang in den Workshops war bisher immer locker, freundlich und sehr inspirierend. Man trifft auf Gleichgesinnte, die dennoch alle verschiedene Pläne und Ansehensweisen haben. So folgt ein „Aha“-Moment dem nächsten. In einem Stuhlkreis erzählte jeder reihum von den eigenen Plänen, oft kam es zu Überschneidungen oder man fand heraus, dass jemand in der Gruppe Kontakte zu einem Medienpartner hat, bei dem man gerne ein Praktikum absolvieren würde. Eine ziemlich ziemlich coole Sache also. Als nächstes steht eine Studienfahrt nach Warschau aus, wo sich mit der Politik und Belangen zur Pressefreiheit in Polen auseinander gesetzt wird. Ich glaube, man kann diese Veranstaltung gar nicht nicht cool finden.

medienvielfalt, anders Stipendium Heinrich Böll Stiftung

Und… was kommt als nächstes?

Was mein Engagement in der Stiftung angeht, möchte ich definitiv viele Veranstaltungen aus dem Journalismusprogramm besuchen. Auch wenn ich mit meinem Psychologiestudium zweigleisig fahre und mich daher nicht zu 100% auf den Journalismus einlasse, kann ich nicht umhin, mich immer wieder für irgendwelche Projekte zu bewerben oder – dieser Blog ist der Beweis – zu schreiben. Ansonsten werde ich mal sehen, ob ich mich mit der Lokalen Initiative in Münster vernetzen kann. Ich bin zwar nicht durch und durch politisch engagiert, allerdings ein ziemlicher Möchtegern-Öko was nachhaltiges Leben anbelangt. Ein Projekt zum Thema Fair Fashion/ Slow Fashion/ Second Hand wäre ein absolutes Träumchen!

Ein letzter Appell an euch

Traut euch und bewerbt euch! Wenn Grün nicht so euers ist, dann schaut euch die anderen parteinahen Stiftungen an. Wenn ihr religiös seid oder in der Kirche engagiert, dann lasst euch von einer kirchlichen Stiftung fördern. Falls ihr so ein Medienmensch seid wie ich und gerne schreibt, dann bietet neben der HBS auch die Konrad Adenauer Stiftung (CDU) ein Journalistenprogramm an. Aufgrund meiner politischen Ansichten war das nichts für mich, aber vielleicht könnt ihr euch ja mit dieser Stiftung identifizieren. Wie auch immer: Bitte wagt es, denn es ist ein tolles Gefühl, plötzlich so viele neue Leute kennenzulernen, mit neuen Themen und Perspektiven konfrontiert zu werden und monatlich etwas mehr Geld auf dem Konto zu haben (jetzt ist es raus, macht es fürs Geld! 😀 ). Noch ein letztes Mal: Lasst euch vom Mythos rund um Stipendien nicht abschrecken – am Ende kochen doch alle nur mit Wasser!

Welche Erfahrungen habt ihr mit Stipendien gemacht? Werdet ihr gefördert? Wenn ja, wo? Wenn nicht – wo würdet ihr euch gerne bewerben? Wie ist euer Eindruck vom „medienvielfalt, anders“ – Programm der HBS?

Beitragsbild: Heinrich-Böll-Stiftung

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2 Comments

  • Leyla 28. April 2017 at 18:08

    Danke Ana! Hab mir alles vom ersten bis zum letzten Wort gespannt durchgelesen, weißt ja, HBS sagt mir schon länger was und ein bissel auf der Seite rumgeschnüffelt hab ich natürlich auch immer wieder 😉 Toll, dass du jetzt aber so einen Blick hinein wirfst für andere, das gibt einem wirklich etwas mehr Info, als was man sonst im ach doch nicht so wissensreichen Internet findet. Eigentlich hab ich kaum noch mehr zu sagen dazu, Post war super detailliert und informativ! Nur noch zwei Fragen: Kannst du grob sagen, was man abklappern musste an Themen für die 13 Seiten Bewerbung? – Hört sich sehr intensiv an! Und wie groß war denn die Bewerberzahl, wenn es derzeit 20 Stipendiat*innen gibt?

    Ganz liebe Grüße von und froh wieder ein Kommentar verfasst zu haben,
    Leyla

  • Tabea 29. April 2017 at 18:40

    Von Stipendien hatte ich auch ewig dieses Bild, dass man wirklich ein Überflieger sein muss, um sie zu erhalten – ich wette, das kommt durch die amerikanischen Serien, wo man ja wirklich verdammt gut in der Schule oder dem Sport sein muss, um sowas zu erhalten.

    Hätte ich mich nicht schon in der neunten Klasse so auf ein duales Studium fixiert (das ich ja gerade mache), hätte ich mich wohl auch auf solche Plätze beworben, um meine Mama finanziell zu entlasten… aber ich weiß gar nicht, ob es das auch für Ingineursdisziplinen gibt 😉

    Ich habe eigentlich in meiner Schulzeit nur von der Stiftung der SPD und CDU gehört und die wären für mich nicht in Frage gekommen, da mir das politische Engagement fehlte… aber von der Heinrich-Böll-Stiftung höre ich gerade erstmalig.

    Dass die Stiftung einen aber nicht zum Willen- und Hinterfragenslosen Grünen-Anhänger macht, ist echt richtig klasse! Wobei ich ja schon zugeben muss, dass die Werte der Grünen mich unter den Partein noch am ehesten ansprechen…

    Dein Bewerbungsverfahren hatte es ja echt in sich – ich dachte schon, duale Studiengänge wären mit Bewerbung, Einstellungstest, Vorstellungsgespräch schlimm genug im Vergleich zu einer normalen Uni oder Hochschule…
    Gerade ein Selbstbewusstes Auftreten habe ich bei meinem ersten Gespräch gar nicht auf die Reihe bekommen – da wurde mir zum Abschied dann geraten, mich selbst nicht so klein zu reden bei zukünftigen Bewerbungen 😉

    Deine Workshops etc. klingen echt genial – ich finde Journalismus und sowas ja ziemlich interessant, aber studiere ja jetzt Maschinenbau, weil ich einfach gut mit Zahlen rumwerfen kann… von meinem Schreib- und Recherchekünsten dagegen war ich nie wirklich überzeugt…

    Toller Post – danke für die Eindrücke, ich habe ihn gleich mal geteilt 🙂

    Liebe Grüße

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