Mehrsprachigkeit: Mehr oder Verzweiflung

Ana - 1. Februar 2018

„Ich bin Yaron“, stellt er sich in der Runde vor. Man hört sofort, dass seine Muttersprache nicht Deutsch ist. Woher kommt dieser Akzent? „Dein Akzent klingt total französisch“, bemerkt seine Nachbarin am Tisch. Doch Yaron kommt ursprünglich aus Israel. 23 Jahre hart er dort gelebt. „Wir haben das gleiche „r“ wie die Franzosen“, fügt er nach. „Daher kommt es, dass der Akzent ähnlich klingt“.

Yaron schreibt derzeit seine Masterarbeit in Literaturwissenschaft in Paris. Das Thema ist der Buchstabe O. Davor hat er 7 Jahre in Deutschland gelebt. Sprache liege ihm nah, könnte man meinen. Neben Hebräisch, Deutsch, Französisch und Englisch spricht er auch ein bisschen Arabisch. Jedoch haben ihm die vielen Jahre mit der Mehrsprachigkeit gezeigt, wie eingeschränkt Sprache ist. Und was für eine unzulässige Informationsquelle.

„Ich fühle mich unsicher, wenn ich Deutsch rede“, gibt er zu. „Es wäre einfacher, wenn ich nicht die ganze Zeit nach einem Wort suchen müsste oder über Grammatik nachdenken“. Er vermutet, dass er wegen seines Akzents oder grammatikalischer Fehler für weniger intelligent gehalten wird. In den ersten Jahren seines Studiums an der Freien Universität Berlin wiesen ihn mehrere Professoren darauf hin, dass er diese nicht duzen darf. Dabei gibt es im Hebräischen keine Unterscheidung in der Anrede. Unwissen wurde als Unhöflichkeit wahrgenommen, eine andere Aussprache mit Dummheit verwechselt.

Als Literaturwissenschaftler analysiert Yaron nicht nur Texte, in seiner Freizeit schreibt er selbst. Seine Dichtung ist mehrsprachig, denn durch den Wechsel zwischen den Sprachen, kann er das ausdrücken, was er inhaltlich sagen möchte. „Sprache macht aus einem kontinuierlichen Spektrum Kategorien“, sagt er. Danach erzählt er von einer Studie, bei der sowohl Chinesen als auch Deutsche bei einem Farbübergang von Blau nach Grün die Grenze einzeichnen sollten, ab welcher man nicht mehr von blauen Tönen, sondern von grünen sprechen würde. Die Ergebnisse zwischen den beiden Kulturen unterschieden sich signifikant. Was macht Sprache mit unserer Kognition, unserem Denken? Wie beeinflusst sie unsere Sicht auf die gleiche Welt?

Yaron liebt Kafka. Kafka schreibe mehrsprachig, obwohl er nur auf Deutsch schreibt. „Es gibt viele Lesarten für Kafka. Man kann sich auf den Vater beziehen oder auf die Frauen in Kafkas Leben. Man kann sich aber auch auf die Sprachlosigkeit der Protagonisten fokussieren. Kafkas Helden sind gescheitert, weil sie die wichtigen Fragen nicht ausgesprochen haben. Weil sie in ihrer Welt nicht den richtigen Ton getroffen, den Moment verpasst haben, in dem sich eine Rettung anbot. Letztlich sind sie alle untergegangen“. Diese Annahme passe auch zu Kafkas Biographie, sprach er in seinem Alltag Tschechisch, Deutsch und Jiddisch.

Auf seinem Unterarm trägt Yaron eine von Kafkas Zeichnungen tätowiert. Eine Figur mit langen Gliedmaßen eines Käfers, auf einem Stuhl sitzend, den Kopf in den Arm gestützt. Ein Symbol für den Denker und Verlierer – zwei Rollen, in denen Kafka gleichermaßen gelebt hat. „Auf den ersten Blick sieht man einen Denker, schaut man genauer hin, dann ist es eine Pose der Verzweiflung“.

Einsprachigkeit ist einschränkend. Spricht man nur eine Sprache, weiß man gar nicht, dass es außer dieser einen Variante die Welt zu kategorisieren, noch andere gibt. Doch mit jeder neu erlernten Sprache erweitert sich nicht nur der eigene Horizont, man kommt auch der Resignation näher. Wenn ich die Welt so verschieden verbalisieren und sortieren kann, wie kann ich meinen Schlussfolgerungen – ebenfalls in Worten ausgeführt – jemals vertrauen? Gibt es so etwas wie einen Anspruch auf Wahrheit oder Wissen um Realität?

Das Problem mit der Mehrsprachigkeit mag reines Luxusgejammer sein. Nichtsdestotrotz sorgt es für ein intellektuelles Dilemma, das an Sokrates erinnert:  „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

Beitragsbild: Pavan Trikutam

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