Mein Körper und ich: Eine Geschichte über mehr und weniger Liebe

Ana - 20. März 2019

Mein Körper und ich. Diese Geschichte ist so alt wie ich (also fast 21). Vielleicht einige Monate älter, weil mein Fötus-Ich auch schon einen Körper hatte. Die ersten Jahre waren relativ langweilig. Zumindest passierte nichts, was für diesen Beitrag relevant wäre. Viel Gewachse, Milchzähne fielen aus, ein kleiner Zeh wurde gebrochen, als ich einem Jungen barfuß gegen das Schienbein treten wollte. Diese Erinnerungen passen alle nicht so gut zu der Überschrift „Ich und mein Körper“. Damals nahm ich meinen Körper nicht abgrenzt von mir wahr. Ich habe damals über meinen Körper als eigenständigen Gegenstand noch keine Überlegungen angestellt.

Aber darum geht es hier. Wie Ich meinen Körper plötzlich wahrnahm. Und Frieden mit ihm schloss?

Ich war ein sehr zierliches Kind. Im Ballett lobte mich die Lehrerin dafür, dass mein großer und zweiter Zeh gleich lang waren. Sie machte auch Bemerkungen über die weniger zierliche Figur einer meiner Freundinnen. Als wir Sprünge übten, sagte sie zu ihr, dass,  sollte sie noch einmal so laut auf dem Parkett aufkommen, sie im Waschsalon unter dem Ballettstudio landen würde. Fatshaming würde man das heute nennen. Eine 50-jährige Omi shamed ein 8-jähriges Mädchen. Ist gar nicht so selten. Ich wurde damals auf jeden Fall nur gelobt, mein Körper stellte nie ein Problem dar, ich machte mir keine Gedanken darum. Hatte lediglich von meinen Eltern gehört, dass man niemanden wegen seines Körpers auslacht, und deshalb lachte ich nicht, als die meisten es taten.

Auf dem Gymnasium wurde ich als „zu dünn“ bezeichnet. Es gab noch ein anderes zierliches Mädchen in meiner Klasse. Wir stritten uns oft darüber, wer von uns beiden dicker sei. Die Dickere war die Gewinnerin in diesem Wettbewerb. Beim Ringen im Schulsport mussten wir nur gegeneinander kämpfen, immer und immer wieder, weil wir die einzigen in der niedrigen Gewichtsklasse waren. Diese Tatsache besänftigte die Rivalität zwischen uns beiden nicht unbedingt. Wir mussten uns beide die gleichen Dinge anhören. „Deine Beinchen sind nur Knochen“. „Gar keinen Arsch“, „Du brauchst doch gar keinen BH tragen“. Deshalb bekämpften wir uns gegenseitig.

Dann kam erstmal lange nichts und dann die (etwas verspätete) Pubertät. Lange dachte ich, dass die Tafel Schokolade, die ich beim Hausaufgabenmachen aß, für meinen Hüftspeck verantwortlich war. Aber es muss die Pubertät gewesen sein, weil ich davor auch Schokolade liebte und für meine dünnen Beinchen belächelt wurde. Irgendwann waren meine Beinchen Beine. Aber das war auch nicht richtig.

Meine Eltern sagten immer, ich habe eine normale und sportliche Figur. Alle anderen auch, zumindest sagten viele auch einfach nichts zu meiner Figur. Angenehm! Eines Tages freundete ich mich mit einem Jungen an. Er war ziemlich witzig und wir liefen ab und zu durch die Nachbarschaft. Ich lachte über fast alle seine politisch unkorrekten Witze, er wurde mutig und sagte lachend, dass ich fett sei. „Ich bin nicht fett“. Ich hielt die Aussage da noch für einen Scherz und gab ihm die Chance sie zurückzuziehen. Aber ne. „Dann sind deine Klamotten wohl unvorteilhaft.“ Ich habe mich mit 15 nicht als schön gesehen. Aber als „fett“ halt auch nicht.

Ich wusste, dass er Stuss erzählte. Ich wusste, dass er gemein war und, dass diese Aussage mehr über ihn aussagte, als über mich. Aber… es war passiert: Jemand hatte mich „fett“ genannt. Und das war die einzige Realität, die zählte. Als fett sah ich mich noch nicht, dafür aber als Baustelle. Das sollte nie wieder passieren. Ich fing an zu buddeln. Ich hörte auf, nach 18 Uhr zu essen, wog mich täglich und entdeckte MyFitnessPal. Eine App, deren Anblick mir heute Gänsehaut bereitet. Damals habe ich sie oft meinen „heiligen Gral“ genannt.

Es folgt eine Zeit erfolgreichen Gewichtsverlusts, hungrigen Abendstunden, in denen ich auf WeHeartIt (kennt das noch jemand?) motivierende Sprüche las, die an der Schnittstelle zwischen der Fitness- und der ProAna-Bewegung zu verorten sind. Kate Moss‘ Klassiker war auch dabei. Nothing tastes as good as skinny feels. Über ihren Kokainkonsum verliert sie in ihren Lifestyle-Tips kein Sterbenswörtchen #transparent. Aber gut, ich verstehe sie schon irgendwie, denn wenn man seinen gesamten Selbstwert an dem Umfang der eigenen Taille misst, dann fühlt es sich einfach traumhaft an, trotz des Hungers irgendwann einzuschlafen. Am nächsten Morgen einen kleinen Siegestrumpf zu erleben.

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Das Hungern versetzte mich in einen ziemlich highen Zustand, der mich auf eine gestörte Art glücklich machte, aber genauso von der Realität abschnitt. Meine Freunde entfernten sich von mir, denn am liebsten redete ich über Essen. Und bei allem Respekt vor all den Foodies da draußen: Es ist super lame, immer nur über Essen zu reden. Einer anderen Freundin ging es genauso, wir schlossen uns zusammen und redeten über Essen und tranken in Cafés viel schwarzen Kaffee, was andere (und wir heute auch) nicht verstanden. Warum nimmst du einen schwarzen Kaffee, wenn du auch einen Cappuccino trinken kannst? 46 Kalorien, Bitch. Wenn ich mein Kalorienlimit von 1458 pro Tag überschritt, weinte ich, und meine Mutter wusste nicht so recht, was sie sagen sollte, denn was sagt man einem Kind, das weint, weil es abends nicht nur Salat, sondern noch ein Brötchen dazu aß?

Ich erreichte mein Ziel trotz des Brötchens. Einige Mitschülerinnen sprachen mich auf meinen Gewichtsverlust an. „Du siehst toll aus.“ Und das sah ich! 6kg besser, von dünn zu dünn mit etwas weniger Beinfett. Mit meinem Körperfett reduzierte sich auch die Anzahl der Dinge, die mich interessierten. Essen war meine einzige Obsession, auch wenn ich mich die ganze Zeit darum bemühte, nicht zu essen. Ein faszinierendes Oxymoron.

Eines Tages beschloss ich, dass ich nun dünn genug war. Außerdem wollte ich ja nicht mein ganzes Leben Kalorien zählen. Ich löschte MyFitnessPal. Doch was nun, wo einem keine App mehr sagt, wie viel man essen darf? Mein heiliger Gral war weg und ich verzweifelte an dieser Orientierungslosigkeit. Dann kamen die Essanfälle. Ich verlor die Kontrolle und war so unglücklich wie noch nie in meinem Leben. 6 Monate später war ich wieder 6kg schwerer. Diese Diät hatte mich in ein nervöses, zweifelndes und emotional labiles Wrack verwandelt, das sich für drei Schokokekse mit „1.000 Kalorie Workouts“ bestrafte. Drei ganze Jahre lang bestanden meine Neujahrsvorsätze nur aus Fitness- und Diätvorsätzen.

Wenn ich zurückblicke, erscheint mir diese Zeit wie ein verblasster Traum, definitiv nicht echt und auch nicht so tragisch. Doch grade versuche ich mich hineinzuversetzen in mein damaliges Selbst, was fest davon überzeugt war, dass andere Leute sich ekeln würden, wenn sie mich am Strand im Bikini sahen. Ich war fest davon überzeugt, dass nur Perfektion (abgemalt bei Instagram) genug sei. Quasi der Preis, den ich fürs Glücklichsein zahlen müsse.

Die Essanfälle wurden regelmäßig, das Kotzen zur Option, und mir klar: Ich will auf keinen Fall dick sein, aber psychisch krank ein wenig weniger. Daher entschloss sich mein rationales Selbst, entgegen all der Schreie meines inneren Hungerjunkies, auf mein Gewicht zu scheißen. Ich aß alles, worauf ich Bock hatte. Am liebsten drei Schüsseln Schokomüsli hintereinander. Bis ich satt war. Die Essattacken verschwanden. Mein vergifteter Geist erholte sich nicht so schnell, aber damit war der erste Schritt getan. Die letzten Jahre wurde es immer etwas besser. Ich entdeckte das Intuitive Essen für mich. Ernährte mich mal vegan, mal zuckerfrei, grade eben lautet meine Diät „Scheißegal!“, aber Süßes nur wenn muss und Gemüse bitte jeden Tag.

Die gefährliche Phase ist nun vier Jahre her, dazwischen gab es Zeiten, in denen mir das Aussehen meines Körpers wieder etwas zu wichtig wurde. In meinem ersten Monat in England ging ich ab und an hungrig ins Bett. Doch kamen immer mehr Handlungen aus einem Akt der Liebe für meinen Körper, nicht des Hasses. Da ist keine Scham mehr. Manchmal Ehrgeiz. Grade eben Stolz. Mir hat nach diesem einen Vorfall niemand mehr gesagt, dass ich zu viel Fett an meinem Körper hätte, aber würde dies nochmal jemand tun, dann hätte das keinen Effekt. Mein Körper und ich sind ein Team und, genau wie ich andere schon immer so akzeptierte wie sie sind, akzeptiere ich auch mich. Ich liebe nicht alles an mir, nicht alles an mir ist schön. Aber das muss es auch nicht. Schönheit ist eine Dimension von vielen, mein Selbstwert stützt sich auf mehr als auf Komplimenten von Fremden, wenn ich Samstagabends ausgehe. Schönheit ist kein basic requirement zum Atmen. Momentan atme ich viel. So viel, dass ich gar nicht sagen kann, was ich alles an mir liebe und was nicht. Ich habe nicht zu jedem meiner Körperteile eine Meinung. Wie als Kind fast.

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1 Comment

  • Jahresvorsätze 2019: besser spät als nie? – The Disaster Diary 28. März 2019 at 22:30

    […] zu erwähnen. Damit habe ich ein längst überfälliges Vorhaben ebenfalls abgehakt. Eine kurze Story zu meiner toxischen Einstellung zu meinem Körper veröffentliche in den nächsten Tagen. Schaut also in Zukunft vorbei, diesmal bleib ich […]

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