Modern Love: Echte Gefühle,
auf die man kein Recht hat

Ana - 4. September 2019

„Wie geht’s dir jetzt damit, dass ihr euch nicht mehr seht? Und, dass er was mit einer anderen hat?“

„Ach, macht mir gar nicht aus. Wir waren ja nicht zusammen oder so.“

Eine gewöhnliche Antwort auf diese Frage. Eine Antwort, die ich oft genug gehört, wenn nicht sogar selbst gegeben habe. Ebenso eine, die die Frage komplett verfehlt, eigentlich keine sinnvolle Beantwortung liefert. Kann man für jemanden nicht auch etwas Starkes empfinden, wenn das, was zwischen einem war, nicht das Label „feste Beziehung“ trägt?

Ich frage mich generell, ob es da wirklich einen bemerkenswerten Zusammenhang gibt, zwischen der nach außen wirkenden Ernsthaftigkeit der Beziehung (z.B. dem Label, ob man zusammen ist, und für wie lange), und der emotionalen Involviertheit, dem Ausmaß, wie sehr die Beziehung einen mitnimmt – und in schwierigen Zeiten verletzt. Storytime: Einer meiner Freunde trifft sich nun seit über einem Jahr mit einer Frau. Sie kochen zusammen, schauen Serien zusammen, laufen Händchen haltend durch die Stadt, schlafen miteinander. Sind aber nicht zusammen. Ihre Beziehung ist zwar nicht exklusiv, sobald einer der beiden aber mal ein Date oder ein Flirt mit jemand anderem hat, schiebt die andere Person Eifersucht. Solche Momente schweißen sie wieder zusammen für das kommende Wochenende. Danach distanziert sie sich erneut, streitet jede Ernsthaftigkeit der Beziehung der beiden ab.

Eine andere Freundin erzählte mir davon, die Liebe ihres Lebens getroffen zu haben. Beide verweigerten dennoch für eine recht lange Zeit, ihre Beziehung zu labeln. „Wir wissen beide, dass es was besonderes ist. Das reicht“. Oder an anderen Tagen: „Es ist so schön, frei und aufregend ohne Label. Warum nur wegen des Labels etwas ändern?“

Letztens hatte eine Person, die ich selbst mal traf, was mit einer anderen Frau vor meinen Augen. Ich war sauer, irgendwie war mir das zu dreckig, zu respektlos, durcheinander (an alle, die The Bold Type geschaut haben: Es fühlte sich an, wie Janes verhasster umgerührter Frozen Joghurt.). Meine Wut war enorm. Ich war ein wenig eifersüchtig, vor allem aber beschämt, gedemütigt. So aufgebracht, dass ich mit jemandem darüber sprechen musste. Die Antwort der Vertrauensperson meiner Wahl: „Naja, warum bist du denn sauer? Ihr seid ja nicht zusammen oder so.“ Für eine Generation, die behauptet, Label für überholt und eingrenzend zu halten, spielen Label ironischerweise eine ziemlich zentrale Rolle. Vor allem wenn es darum geht, was man fühlen darf.

Man darf sich treffen, man darf sich einen Netflix-Account teilen und mit einander schlafen. Eigntlich alles machen, was man will, und man muss es nicht labeln. Aber fühlen darf man legitim erst etwas, wenn das Label auch zu diesem Gefühl passt. Die Nicht-Freundin des erwähnten Freundes traf sich mal mit einem anderen Typen. Es gab einen Kuss. Er erfuhr davon, es ging ihm unglaublich schlecht. Doch da sie sich nie auf etwas Exklusives geeinigt hatten, konnte er seine Verletztheit, Eifersucht und Wut nicht äußern. Deshalb verleugnete er diese Gefühle komplett.

Label-freie Liebe scheint zunächst, ja, FREIER zu machen. Kein stereotyper Stempel, keine formalen Verhaltensregeln, kein Recht mehr, vom anderen etwas einzufordern in dieser freien Welt. Deshalb sind Labels doch so verpönt, oder? Weil sie einengen. Aus der Nähe betrachtet geht dieser Verzicht auf Klarheit manchmal vor allem mit Unehrlichkeit daher. Sich selbst aufgezwängter Toughness und emotionaler Kälte. Hat man nicht auch ohne formale Festlegung ein Recht auf Gefühle? Ist das Fühlen von Eifersucht nicht legitim, wenn die Person mit der man ungelabelt alles tat, was andere gelabelt tun, nun mit anderen intim wird? Muss man sich dafür schämen? Ist man damit traditionell? Oder eine von diesen schrecklichen Personen, die glauben, sie könnten andere Menschen besitzen? Ich weiß nur eins: Gegen Gefühle kann man sich nun mal nicht wehren. Auch nicht mit einem Verbot des Labellings. Eifern wir hier einer Freiheit hinterher, indem wir uns einer anderen (meiner Meinung nach viel fundamentaleren) berauben?

Ein Vorschlag fürs Casual Dating (und auch für alle anderen Formen der sozialen Beziehungen): Du hast nicht das Recht von anderen ein Verhalten zu fordern, dem diese nie zugestimmt haben. Aber du hast das volle Recht zu fühlen, was du fühlst. Auch wenn das alles andere als casual ist. Ob Label oder nicht, der zwischenmenschliche Kontakt macht etwas mit dir, was genauso subjektiv, wie real ist. Ein Label legitimiert scheinbar Gefühle, dabei sind Gefühle immer legitim. Deine feste Freundin küsst jemand anderes, du empfindest Eifersucht. Legitim. Die Person, mit der du dich seit einigen Wochen triffst und schläfst, küsst jemand anderes, du empfindest Eifersucht. LEGITIM. Die Person, die dir keine Beachtung schenkt, in die du aber unsterblich verliebt bist, küsst jemand anderes, du empfindest Eifersucht, L-E-G-I-T-I-M. Das Gefühl ist auch ohne Rechtfertigung-Story existent.

Jemanden zur Verantwortung zu ziehen (sprich: zur Rede zu stellen, nichts weiter!), ist natürlich ok, wenn es in der Verantwortung der Person lag, sich anders zu verhalten. Doch auch hier gibt es Grenzen, die man begreifen muss. Beispiel-Time: Wenn dein Ehepartner jemand anderes küssen will, nicht dich, dann ist es ganz egal, wie ernst er*sie das Versprechen vor 20 Jahren gemeint hat: Er*sie hat die Freiheit sich neu zu entscheiden. Du darfst sauer sein, du darfst eifersüchtig sein, du darfst auch sagen, dass er*sie das Versprechen dir gegenüber gebrochen hat. Aber: Du musst ihn*sie gehen lassen. Labels, die Ehe eingeschlossen, geben nicht wirklich die Sicherheit, die sie versprechen. Nur eine Illusion davon. Und ein Rechtfertigungsgerüst für unsere Gefühle.

„Es ist doch berechtigt, dass ich so fühle, oder?“, fragen wir unsere Freunde und Tröster. Als wären Gefühle illegale Einwanderer, für die man nun eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt. It’s love, not logic, sagte Carrie in meiner geliebten Serie Sex and the City. Du brauchst deine Gefühle nicht zu rationalisieren oder von Dritten rückversichern zu lassen. Akzeptier sie einfach.

aug2

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