Nationalismus: Für Nächstenliebe –
aber nur bis zur Grenze

Ana - 5. November 2017

Anna träumt von einem Polen ohne Abtreibungen und Migranten. Menschenrechte schreibt sie groß, solange diese Menschen polnischer Herkunft sind. Solidarität ist für sie Definitionssache.

Anna S. ist gegen Abtreibung. Das Recht des Menschen zu leben ist ihr wichtig, für dieses Recht geht sie gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Stop Aborcji“ (dt. Stoppt die Abtreibung!) auf die Straße. Dabei ist es ihr egal, ob wir diesen Menschen Fötus, Embryo, behindert oder „Unfall“ nennen. „Wer sind wir, um darüber zu entscheiden, ob jemand anderes leben sollte, oder nicht? Wie können wir uns ernsthaft die Frage stellen, ob die Gemütlichkeit unseres Lebens mehr Wert ist, als das Leben eines anderen Menschen?“

Nur Migrant dürfen wir diesen Menschen nicht nennen. An der polnischen Grenze enden Annas Glaubensgrundsätze. Für das Recht von Kriegsflüchtlingen auf ein sicheres Leben möchte sie sich nicht einsetzen. „Sicher muss man helfen. Solidarität ist wichtig, aber Definitionssache. Ich spreche von Solidarität gegenüber meiner Nation. Das bedeutet, dass ich unsere Grenzen schütze.“

Anna argumentiert nationalistisch. Im Herbst 2015 hat sie der derzeit regierenden nationalkonservativen Partei PiS ihre Stimme gegeben. Die PiS bekommt in der Deutschen Presse vor allem negative Schlagzeilen, insbesondere aufgrund einer Reform des Verfassungsgerichtes, mit der immer mehr Macht in der Regierung gebündelt wird. In Polen profitiert jedoch insbesondere die ärmste Bevölkerungsschicht von den sozialpolitischen Maßnahmen der Regierung: Kindergeld, Mindestlohn in allen Arbeitsverhältnissen, staatliche Wohnbauprogramme. Anna bewegte vor allem das Versprechen, die legale Abtreibung komplett abzuschaffen, zu ihrer Wahlentscheidung.

Zwei Jahre später ist die Abtreibung in Polen immer noch in drei Fällen legal: Könnte das Kind behindert auf die Welt kommen, ist die Schwangerschaft Folge einer Straftat, oder ist das Leben der Mutter durch die Geburt gefährdet, hat eine Frau das Recht abzutreiben. Diese Ausnahmen möchten Anna und die anderen Mitglieder von Stop Aborcji komplett aus dem polnischen Gesetz streichen. Legitime Gründe seien das nicht, bloß Regeln, an die sich die Gesellschaft gewöhnt hat: „Das Gesetz hat eine große Macht darüber, Orientierung zu geben, was richtig und was falsch ist. Legitimieren wir einen Mord per Gesetz, dann gewöhnen sich auch die Bürger daran, denken, es sei moralisch richtig.“

Hält man die Aussicht auf ein schwerbehindertes Kind für einen nachvollziehbaren Grund einer Abtreibung, ist das laut Anna ein Zeichen dafür, dass das Leben von Behinderten nicht als gleichwertig gesehen wird. „Woher weiß man, dass Behinderte unglücklicher sind? Wie kommt man darauf zu denken, Mitleid sei angemessen oder der Mord gar ein Gefallen?“

Auch wenn eine belastende Straftat, wie eine Vergewaltigung, zur Schwangerschaft geführt hat, fokussiert sich die Anti-Abtreibungs-Bewegung auf das Lebensrecht des Fötusses: „Das Kind kann nichts für die Straftat, sein Leben ist dadurch nicht weniger Wert. Nicht mal der Mutter wird mit der Abtreibung geholfen. Diese löscht weder das schreckliche Ereignis, noch sorgt sie dafür, dass das Trauma verarbeitet wird“

Im letzten Fall, in welchem das Leben der Mutter durch die Geburt in Gefahr schwebt, steht auch für Anna das Überleben der Mutter im Vordergrund. Lebensrettende Maßnahmen sollten zum Einsatz kommen – auch wenn das Kind dadurch stirbt. Allerdings gehöre zu diesen Maßnahmen nicht, angesichts des potentiellen Risikos präventiv abzutreiben.

„Das Leben eines Menschen ist es Wert, Risiken einzugehen und sich Herausforderungen zu stellen. Will oder kann die Frau auf keinen Fall die Rolle der Mutter annehmen, kann sie das Kind zur Adoption freigeben. Es gibt immer eine Lösung, die nicht den Mord an einem Menschen inkludiert. Es ist besser sein Kind abzugeben, als es zu töten“

Anna sagt, sie plädiere für mehr Menschlichkeit. Daher überrascht es, wie sie zur Flüchtlingspolitik steht.

„Die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland klingt für mich wie die Hölle auf Erden“, positioniert sie sich. Dieses Statement ist zunächst schwer zu verbinden mit ihrer vorher so bedingungslos menschenfreundlichen Denkweise.

Sie möchte klarstellen: „Ich hasse Migranten nicht. Ich kenne Menschen, die nach Polen immigriert sind. Teilweise sind es meine Freunde. Ich könnte sie nie hassen. Aber es ist einfacher Konzepte zu hassen, als Menschen. Migration ist so ein Konzept“.

Es scheint, als würde Anna mit ihrer Erklärung das beste Gegenargument gegen diesen Hass liefern. Wenn der Hass auf Konzepte einfacher ist, als auf Menschen, ist dann der Hass gegen ein abstraktes Konstrukt, dessen Praxis eben diese Menschen sind, nicht unberechtigt?

„Wir hören von den Anschlägen in Brüssel, Berlin und London. Diese Anschläge gibt es nicht in Warschau. Wir fühlen uns wohl mit einem Polen, welches polnisch ist. Die Furcht vor dem Unbekannten ist doch natürlich, oder? Wieso werden wir dafür verurteilt? Ich möchte mich sicher fühlen in meiner Heimat, der Gedanke an Migration fühlt sich nicht sicher an“

„Fühlst du dich von den Migranten bedroht, die du kennst?“, eine Gegenfrage.

„Nein, natürlich nicht. Ich kenne sie schließlich, sie sind meine Freunde. Die anderen Migranten kenne ich nicht“

Der Dialog endet in einer Sackgasse. Eine Überlegung wäre es Wert, Anna jetzt ihre eigenen Worte nochmal vorzuspielen. Wie war das nochmal?

„Wer sind wir, um darüber zu entscheiden, ob jemand anderes leben sollte, oder nicht? Wie können wir uns ernsthaft die Frage stellen, ob die Gemütlichkeit unseres Lebens mehr Wert ist, als das Leben eines anderen Menschen?“

Mag sein, dass man sich weit aus dem Fenster lehnt, wenn man sagt, dass nationalistische Argumentationen immer in einer Sackgasse enden. Wie weit kommt man allerdings mit einer Denkweise, die Menschen einen Platz via Geburt zuweist? Einer Denkweise, die ganz klar kommuniziert, dass die Welt eingeteilt ist in „Wir und die Anderen“.

Das Forscherteam um den Sozialpsychologen Turner untersuchte die Effekte, die eintreten, wenn man die Welt in Eigen- und Fremdgruppe einteilt. Drei Erkenntnisse haben sich bis heute in der Forschung bewährt:

  1. Die Mitglieder der Fremdgruppe werden als einheitlicher Block wahrgenommen („die sind alle gleich“).
  2. Die Unterschiede zu der eigenen Gruppe werden größer wahrgenommen als sie tatsächlich sind („die sind ganz anders als wir“).
  3. Die Fremdgruppe wird abgewertet, um die Eigengruppe aufzuwerten („die sind schlechter als wir“).

An diesen selbstrechtfertigenden Kognitionen scheint auch Annas Argumentation zu scheitern: Das Plädoyer für mehr Menschlichkeit schafft nicht den Sprung über die Grenzen des Nationalismus.

Nennt man es Nächstenliebe, wenn diese Liebe von geografischen Grenzen abhängt? Ist man wirklich für Menschenrechte, wenn die Definition Mensch so eng mit der Nationalität zusammenhängt? Wie tragbar ist ein Weltbild, welches diese Paradoxe akzeptiert? Wie legitim ist ein Weltbild, welches Menschen aufgrund ihrer Herkunft abwertet? Was ist überhaupt ein Weltbild? Ist der Nationalismus ein Weltbild? Oder doch ein Denkfehler?

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1 Comment

  • Tabea 6. November 2017 at 05:56

    Danke für diesen Post! Ich finde, du hast die Absurdität von der Einstellung dieser Person echt toll dargestellt.
    Mir persönlich sind alle Menschen, die bereits leben, wesentlich wichtiger als welche, die nur aus ein paar Zellen bestehen und noch nichts erlebt haben… Und daher verstehe ich auch Fremdenfeindlichkeit nicht.

    Liebe Grüße

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