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Schubladen-Denken: Ich bin, wer ich gestern war?

Du gehst dein Leben lang, auf tausend Straßen; du siehst auf deinem Gang, die dich vergaßen. Ein Auge winkt, die Seele klingt; du hasts gefunden,  nur für Sekunden… Zwei Fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider; Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück… vorbei, verweht, nie wieder. – Kurt Tucholsky: Augen der Großstadt

Was mir schon immer den Wind aus den Segeln genommen hat, ist die Tatsache, dass ich ohne es zu wollen immer genau weiß, was andere von mir erwarten. Mag sein, dass ich beim Geschenke kaufen das egozentrischte Persönchen auf diesem Planeten bin, weil ich immer nur da stöbere, wo sich Geschenke für mich finden würden; was aber die Erwartungen an meine Person und meine Antworten angehen, so liege ich meistens richtig. Bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich dementsprechend konform handele. Oftmals tun wir genau das Gegenteil von dem, was andere wollen oder mit dem andere rechnen – sagen wir, um ihnen zu imponieren, sie zu überraschen oder sie ganz schlichtweg zu provozieren. Ich habe nicht das Problem, dass ich tue, was andere von mir wollen, dennoch kann es oftmals eine große Belastung sein, zu wissen, wie die anderen einen sehen und mit welchen Schritten sie als nächstes rechnen.

Mein Umfeld steckt mich in Schubladen. Wie jeden anderen auch, by the way. Ich bin mir dieser Schubladen durchweg bewusst und sehe mich selber in diesen Schubladen stecken. Meine Freunde denken eine Ahnung davon zu haben, was üblich ist für Ana, und was eben nicht. Sobald ich mit einer Handlung den unsichtbaren Annahmebereich überquere, dann fällt ihnen das auf. Und mir fällt auf, dass es ihnen auffällt.

2421SchubladenHier kommt der Vorteil ins Spiel, der entsteht, wenn man Anonym die Straßen einer gewaltigen Metropole durchschreitet. Niemand weiß, was üblich für einen ist und was nicht. Wenn ich Motorradstiefel und schwarzen Lippenstift tragen will, wird niemand sich wundern, ob ich meinen Style ändere und auf Gossip umsteige. Und wenn ich einen rosa Blazer anziehe und pinke Pumps dazu, dann kommt auch nicht die Frage auf, wieso Ana zu Barbie mutiert ist. Man wird gesehen und so wahrgenommen, wie man in dem Moment auch tatsächlich ist. Nicht in Relation zu gestern, oder vorgestern oder noch vor einem Jahr. Laufe ich täglich unter Unbekannten, dann eliminiere ich das Vorher- Nachher-Denken.

Schach Matt. Wir leben im Moment und entscheiden jeden Morgen die Person zu sein, nach der uns heute eben ist. Ohne das Gefühl zu haben, wir übertreten unsere Comfort Zonen und müssten uns für unsere Persönlichkeitswandlung rechtfertigen. Päckchen der Vergangenheit können wir hier sorgfältig ablegen.

So kommt es, dass ich diesen einfachen H&M Rock, den ihr auf den Bildern seht, vor diesem Tag nie getragen hatte.  Zu Hause gerne, aber vor dem Rausgehen habe ich ihn immer ausgezogen. Nicht weil er zu kurz ist, oder zu eng, oder zu schwarz, oder zu schlicht. Sondern schlichtweg, weil es etwas davon abfällt, was ich sonst trage. „Sie probiert jetzt anscheinend was neues“, denken alle anderen. In Rom denkt das keiner. Da schlendere ich durch die Straßen mit einer Haltung, die beweist, dass ich diesen Rock heute morgen ganz aus Routine aus dem Schrank gezogen und wie die Hunderten Male vorher kombiniert habe.

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An welchen Stellen wollt ihr etwas unbedingt tun, fühlt euch aber unbehaglich, weil es angeblich nicht zu euch passt? Was würdet ihr neu ausprobieren, wenn ihr genau jetzt komplett neu anfangen könntet? xx Ana

5 thoughts on “Schubladen-Denken: Ich bin, wer ich gestern war?

  1. Charlie

    Der Rock steht dir super :). Aber du siehst auf Fotos eh immer beneidenswert gut aus *schleim* ^^.

    Ich bin auch ein Riesen Fan der Großstadtanonymität. Als ich, die ich mich sonst nie geschminkt habe und abgesehen davon auch immer noch nicht Schminke, angefangen habe roten Lippenstift zu tragen, ist das allen in meinem sozialen Umfeld sofort aufgefallen und es kamen so Bemerkungen wie „Du trägst doch eigentlich gar kein Make-up.“
    Ähnliche Bemerkungen kamen dann, als ich meine Haare blau gefärbt hab. Dieses punkige hat in der Vorstellung anderer einfach nicht zu meinem „Braves-Mädchen-Image“ gepasst.
    Weil ich nie durch große Besäufnisse aufgefallen bin, haben auch viele total überrascht reagiert, als sie mich mal mit nem Bier gesehen haben. Da merkt man dann echt, wie andere einen in Schubladen stecken.

    Ich merke das auch immer, wenn ich shoppen gehe und da irgendwas niedlich-girlyhaftes ne Blümchen oder so finde und dann gleich denke „Ne, das passt nicht zu mir, da werden sich die Leute wundern.“
    Wobei ich meistens eigentlich nix darauf geben was andere davon halten könnten was ich tue. Ich bin eh ein schräger Mensch ^^.

    Also ja, ich weiß total, was du meinst.

    Liebe Grüße :),
    Charlie

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    1. Ana Post author

      Och Charlie, danke! <3
      Ja genau das meine ich! Da will man mal was neues wagen und schon kommen von überall abschätzige Blicke - braucht diese Welt nicht!
      xx Ana

      Reply
  2. Pingback: Trip nach Trastevere, Rom - The Disaster Diary

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