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Thanksgiving – Ein Fest der Dankbarkeit?

Happy Thanksgiving, Leute! – nachträglich. Die Meisten von euch wissen sicher nicht, dass gestern in den USA Thanksgiving gefeiert wurde, einige andere haben über Social Media etwas davon mitgekriegt oder sind schon so amerikavernarrt, dass sie ihre eigene Miniversion davon veranstalten. Mir ist zu diesem Anlass ganz plötzlich eingefallen, dass ich mich vor ca. einem Jahr relativ ausführlich mit diesem Nationalfeiertag beschäftigt habe – und, schätzt euch glücklich 😛 – einen Beitrag dazu verfasst habe. Auch wenn ich ihn heute vielleicht etwas anders geschrieben hätte, stimme ich meinem 17-jährigen-Selbst in vielen Punkten zu. Daher leiste ich heute mal ganz anspruchsvolle „Copy & Paste“-Arbeit. Thema das Ganzen: Was steckt wirklich hinter Thanksgiving und wie viel von der ursprünglichen Botschaft kommt heute bei den Thanksgiving-feiernden Menschen an?

Irgendwann, so in der 5. oder 6. Klasse, lernten wir im Englischunterricht den Mythos hinter Thanksgiving kennen. Eine wunderbare Geschichte, abgedruckt in unserem Englischbuch in bunten Farben und lächelnden Gesichtern. Es hieß, dass die europäischen Pilger, welche aufgrund religiöser Verfolgung fliehen mussten, mit der Mayflower nach dem heutigen Massachusetts segelten und den Ort nach ihrer Heimat benannten, Plymouth. Dort lebte zu der Zeit der Stamm der Wampanoag-Indianer, dessen Anführer „Squanto“ sich mit einem früheren Siedler John Weymouth angefreundet hatte und daher den europäischen Siedlern die Gastfreundschaft anbot. Ohne diese wären die Pilger an dem fremden Ort schnell verhungert oder an der Kälte gestorben. Die Indianer lehrten ihnen jedoch wie man Mais anbaut und fischt, sodass sie eine gute Ernte erzielen konnten und sich langsam aber sicher ein gutes Leben aufbauten.  1621 luden sie „Squanto“ und die Wampanoag zu einem großen, erfolgreichen Festessen ein. Dieses ging als das allererste Thanksgiving in die Geschichte ein. Nur schade, dass es das Einzige in dieser Form war.

Immer mehr Siedler kamen nach Amerika, darunter viele fanatische Christen, welche das freie, nicht eingezäunte Land sofort für sich beanspruchen wollten und die friedlichen Einheimischen töteten, vertrieben oder versklavten. Viele Kriege wurden zwischen verschiedenen Stämmen der Indianer und den Puritaner geführt, unter anderem der Pequot Krieg. Als 1637 der Stamm der Pequot ihr „Green Corn Festival“ feierte, umzingelten die Siedler ihr Dorf, erschossen alle, die sich trauten die Häuser zu verlassen, und zündeten das gesamte Dorf an. Nach dieser Massenabschlachtung genehmigten sie sich ein großes Festmahl zur Feier ihres Sieges. Zum ersten Mal fiel der Begriff „A Day Of Thanksgiving“ – ein Fest, was die nächsten Jahre immer nach Gewinn einer Schlacht (insofern man einen Überfall auf unbewaffnete Dörfer und die Abschlachtung von unbewaffneten, ahnungslosen Menschen so nennen kann) abgehalten wurde. Die Indianer wurden geköpft und ihre Köpfe wie Fußbälle durch die Straßen ihrer ehemaligen Heimat geschossen, wenn sie nicht aufgespießt und an Mästen zur Schau gestellt wurden – wo sie manchmal bis zu 25 Jahren blieben. Schließlich beschloss George Washington das Post-Massaker-Meal auf einen festen Feiertag im Jahr zu beschränken.

Happy Thanksgiving, Leute! Lasst uns den Völkermord an einem Stamm feiern, dem seine Gastfreundlichkeit zum Verhängnis wurde, da er nicht mit der Ellbogenmentalität der Europäer rechnete.

Abgesehen von dem blutigen Hintergrund dieses familiären und äußerst „sinnlichen“ Festtages, der in einem Zuge mit Weihnachten genannt wird, habe ich nach dem Lesen von unzähligen Artikeln den  Eindruck, dass Thanksgiving nur eine weitere Form der Gesellschaftskrankheit „Mehr Schein als Sein“ ist. Eine Erinnerung daran, dass wir dankbar, bescheidend und familiengebunden sein sollen? Wohl kaum. Ich kriege von allem nur die Vorfreude darauf mit, sich endlich mal exzessiv vollfressen zu können, um dann wenige Stunden später am Black Friday die Kaufhäuser zu stürmen, um unserer Konsumsucht freien Lauf zu lassen. Da gilt dann: Wer zuerst kommt, malt zuerst. Daher schadet es nicht die Ellenbogen auszufahren und sich an den Kaufhausschlangen bittere Wortgefechte á la „Wer hat hier eigentlich vorgedrängelt?“ zu liefern, wenn es doch darum geht die besten Snäppchen zu ergattern. Die Erinnerung an Werte wie Bescheidenheit, Dankbarkeit und Nächstenliebe, die nur wenige Stunden vorher an der familiären Tafel gepredigt wurden, wurden erstaunlich schnell beim Anblick von Black Friday Hauls aus dem letzten Jahr auf YouTube aus den Köpfen der Leuten gepustet.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es fabelhaft, dass ein Fest der Dankbarkeit existiert (zumindest irgendwo im tief versteckten Kern). Allerdings ist es aus vielen aktuellen Anlässen wichtig, die Feiertage einmal gründlich zu durchleuchten. Vor allem was Thanksgiving angeht, aber auch darüber hinaus. Auch meine geliebte Weihnachtsmentalität hat in unserer heutigen Gesellschaft mehr mit teuren Geschenken und Lebkuchen, als mit einer schönen Zeit mit der Familie in Dankbarkeit dafür, dass wir ohne jegliches Tun seit unserer Geburt mit einem Haufen Privilegien ausgestattet sind, zu tun. Stattdessen ist jeder Adventstag nur eine Erinnerung daran, die eigene Wunschliste noch einmal zu überarbeiten. Hmm, was fehlt mir noch in meinem rundum gesegneten und von unnötigen materiellen Dingen vollgestopften Leben?

Ich möchte Weihnachten nicht so feiern, wie es mir die Konsumgesellschaft vorschreibt. Ein Statement, über welches ich die Vorweihnachtszeit mehr nachdenken möchte, als darüber, welche Tasche ich mir wünschen soll.

Beitragsbild: Unsplash.com // Andrew Branch

3 thoughts on “Thanksgiving – Ein Fest der Dankbarkeit?

  1. Tabea

    Also über diese Hintergründe von Thanksgiving wusste ich bisher noch nichts – von dem schönen ersten Fest hatte ich zwar gehört, aber nicht von den Massakern.

    Für mich hatte der Feiertag nie Bedeutung… genauso wie Halloween und auch einiges deutsches Zeug (Erntedank, Himmelfahrt,…) an mir vorbeiziehen. Fast schon verachte ich Thanksgiving aber, weil da sooo viel Essen verschlungen und auch verschwendet wird 🙁 Nur der Gedanke mit der Familie und auch dem Dankbar sein ist schön 🙂

    Und deine Zweifel an Weihnachten teile ich übrigens auch seit Jahren!

    Liebe Grüße

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  2. Sarah

    Wow!
    Was für ein schöner, aufschlussreicher und ehrlicher Post zugleich. Davon brauchen wir mehr!
    Ich habe den Hintergrund von Thanksgiving bisher noch nicht gekannt und freue mich mehr darüber erfahren zu haben.
    Deine Idee zu Weihnachten hat mich sehr aufgebaut und ich finde es klasse mal einen Gang zurück zu schalten und die Zeit mit den Menschen zu genießen, nicht mit den Dingen.

    Liebe Grüße
    Sarah

    Reply

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