Weekly Log #10: Warschau-Tour und Protestwahlen

Ana - 5. Oktober 2017

Hey ihr Lieben! Ich hoffe, ihr hattet einige schöne letzte Septembertage, sowie die Möglichkeit das Wahlergebnis letzter Woche zu verarbeiten. Hier in Münster hat für einige Tage noch der Goldene Herbst vorbeigeschaut. Das Wahlergebnis habe ich noch nicht verdauen können, aber wie sagt man so schön? Die Zeit heilt alle Wunden? Ich befürchte, dass diese Wunde in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren (? – bitte nicht!) immer mal wieder von Neuem aufgerissen und mit Salz bestreut wird. Unter anderem von mir, denn in diesem Weekly Log wird auch die Bundestagswahl 2017 eine kleine (große) Rolle spielen.

Ab nach Warschau

Ende der Woche geht es für mich nach Warschau. Gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung fahren einige Stipendiaten und ich auf eine Studienreise, wo sich mit der Politik, der Frauenrechtsbewegung, der Einwanderungspolitik, der Medienwelt und Umweltbelangen Polens beschäftigt wird. Eingelesen habe ich mich soweit vor allem in das Thema polnisches Abtreibungsrecht, möchte aber auch gerne mit einigen Institutionen sprechen, die versuchen die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen voranzutreiben. Ansonsten will ich Raum für Überraschungen und spontane Einfälle lassen. Meistens ist es vor Ort dann doch nicht so wie erwartet und geplant. In den freien Minuten werde ich mir Warschau angucken – soll laut Berichten von Freunden ein wunderschönes Reiseziel sein.

Swing Time 

Nach der Woche in Warschau kommt auch der Semesterbeginn gefährlich nahe. Das dritte Semester wird ziemlich voll. Ich darf mich verabschieden vom überlangen Ausschlafen an Donnerstagvormittagen und Brunchtreffs mit der Clique zu Beginn der Woche (verabschieden klingt zu hart – sagen wir: es sollte nicht jede Woche vorkommen). Vorsatz ist, meine Vormittage etwas mehr der Uni zu widmen, wenn ich dieses Semester nicht nur mit Ach und Krach bewältigen will. Daher versuche ich die letzten Ferienwochen zu nutzen für faules Herumliegen und dem „Morgens-Vor-Dem-Frühstück-Lesen“. So wirklich Romane oder fachfremde Sachbücher nehme ich während des Semester selten in die Hand – da ist die Zeit mit Freunden oder – wenn sonst gar nichts geht – mal ein Nachmittag auf Netflix der beste Ausgleich. Deshalb nutze ich die kommenden Zugfahrten fürs Lesen, möchte „Swing Time“ von Zadie Smith auslesen (so ein besonderer Roman! Smith schreibt so ruhig, präzise und kann unglaublich gut beobachten!) und eine Einführung in die „Psychologie der Politik“. Ein Forschungsbereich, der mich sehr reizt, allerdings nicht gelehrt wird. Ein Grund für etwas Selbststudium.

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Protestwahlen und Hannah Arendt

Die Wahlergebnisse haben mich schockiert. Natürlich auch der hohe Anteil an AFD-Wählern, jedoch nicht unbedingt nur die Tatsache, dass 13% eine Partei gewählt hat, die klar auch rechtsextreme Positionen unterstützt und dessen Politiker man sich nach genauerem Hinsehen nicht bei wichtigen Entscheidungen involviert wünscht – zumindest falls einem die Demokratie und eine weltoffene, faire Gesellschaft am Herzen liegen. Wirklich schockiert war ich erst, als ich in vielen Online-Diskussionen und Gesprächen mit Freunden über die Aussage „Nicht alle AFD-Wähler sind Nazis“ stieß. Das stimmt, allerdings ist es absolut fahrlässig, das Ergebnis der Bundestagswahl mit diesem Fakt zu verharmlosen. Ist es nicht umso schlimmer, dass so viele Wahlberechtigte, welche keine rechtsextremen Ansichten haben, eben eine rechtsextreme Partei unterstützen? Schließlich unterstützt man mit einem Kreuz auf dem Wahlzettel, die gesamte Partei – da ist es egal, ob man mit den ganz antidemokratischen Forderungen nicht d’accord ist. Die bringt man damit voran.

Janet von dem Blog Sans Mots hat in ihrem ersten YouTube Video auch etwas über die AFD geredet. Zwischendurch schneidet sie einen Auszug aus der Abschlussrede Hannah Arendts aus dem Film Hannah Arendt ein. Dort sagt Arendt unter anderem:

„Das Problem mit einem Naziverbrecher wie Eichmann war, dass er darauf bestand, sich selbst als Person zu verleugnen, als ob niemand mehr übrig gewesen wäre zum Bestrafen oder Vergeben. Er protestierte ein ums andere Mal, im Gegensatz zu den Anschuldigungen des Staatsanwalts, dass er zu keiner Zeit irgendetwas aus Eigeninitiative getan habe. Und er habe auch keinerlei „Intentionen“ gehabt, egal welche, weder gute noch böse. Er sagte, er hätte ausschließlich Befehle befolgt. Diese typische Nazi-Ausrede macht uns klar, dass das Böseste in der Welt das Böse ist, das begangen wird von „Nobodies“. Böses, begangen von Menschen ohne jedes Motiv. Ohne Überzeugungen, ohne bösen Charakter oder dämonischen Willen, von menschlichen Wesen, die sich weigern Individuen zu sein. Und es ist dieses Phänomen, das ich bezeichne als „Banalität des Bösen.““

Deshalb: Nein, die AFD-Wähler sind nicht böse, nicht alle Nazis, nicht alle extreme Rassisten. Aber sie wählen eine Partei, die Ansichten von Nazis und Rassisten vertritt, und das nur, weil sie nicht einen kurzen Moment innehalten, in die Geschichtsbücher schauen und in die Zukunft, Verantwortung übernehmen und nachdenken. Denn somit weigern sie sich mündige Individuen zu sein. Wählen eine Partei aus Protest. Als würde der Grund für ihre Wahlentscheidung sie aus der Verantwortung ziehen, an den Folgen ihrer Wahl (AFD sitzt im Bundestag) beteiligt zu sein.

„Seit Sokrates und Platon, bezeichnen wir als „Denken“, den stillen Dialog zwischen mir und mir selbst. Indem er sich geweigert hat, eine Person zu sein, hat Eichmann die entscheidende Fähigkeit die erst einen Menschen ausmacht, vollständig aufgegeben, nämlich die Fähigkeit, selbst zu denken. Infolgedessen war er nicht mehr imstande, moralische Urteile zu fällen. Dieses Unvermögen, zu denken, schaffte erst die Voraussetzung für viele ganz gewöhnliche Menschen, abscheulichste Taten in einem gigantischen Ausmaß zu begehen, dergleichen man noch nie gesehen hatte. Noch nie zuvor.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ein extremer Rassist, der eine rassistische Partei wählt: Wird es wohl immer geben. Wir können versuchen Rassismus vorzubeugen, aber ob man jemanden mit rassistischen Überzeugungen umstimmen kann? Alle anderen Nicht-Rassisten, die eine rassistische Partei wählen? Macht die Augen auf, denkt nach und übernehmt Verantwortung. Und bitte trefft keine Wahlentscheidung aus Protest (oder wie man es auch nennen kann: Trotz… und der ist, ab einem bestimmten Alter einfach nicht mehr angemessen).


Gerade eben…

…geht es mir ziemlich gut. In einigen Tagen liegt mein Umzug nach Münster/mein Auszug von Zuhause schon ein Jahr zurück, mein Abitur 1 1/2 Jahre und nur wenn ich unglaublich verzogen wäre, würde ich nicht dankbar sein für alles, was im letzten Jahr passiert ist. Ich habe Freunde gefunden, von denen die Welt keine bessere gesehen hat, Kontakt zu denen gehalten, die mir gut tun und Kontakt dort abgebrochen, wo es schon lange fällig war. Ich habe mich intuitiv und spontan für einen Studiengang entschieden, den ich voll und ganz liebe, bei dem ich fast täglich etwas neues lerne, was ich mit der ganzen Welt teilen will. Manchmal wird meine unglaubliche Euphorie für mein „neues“ Leben mit Arroganz oder Angeberei verwechselt. Trotzdem möchte ich meine derzeitige Freude immer und immer wieder betonen, denn es gab Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging wie jetzt. Zeiten, in denen ich umgeben war von Leuten, die mich nicht schätzen konnten/wollten und mir meine Fähigkeiten und Stärken aus- oder schlechtredeten. Daher: Falls ihr euch grade in einem kleinen (oder großen?) emotionalen Tal befindet: Es wird besser werden! Solange ihr nicht aufgebt, zwar selbstkritisch bleibt, aber nicht jedem Einwand, Zweifel, jeder Gemeinheit anderer allzu viel Bedeutung schenkt. Und: Ab und an hilft es nicht, sich ein dickes Fell wachsen zu lassen; manchmal gibt es einfach nichts zu retten in giftigen Freundeskreisen. Sicher muss man negative Dinge akzeptieren lernen, doch es gibt auch Situationen, wo das Loslösen und ein Neustart das einzig richtige und sinnvolle sind.

Was bringt die Zukunft?

  • das zweite Studienjahr. ich schlafe zwar gerne aus und vergesse die Zeit, aber ich freue mich trotzdem auf das dritte Semester
  • besuche die Lesung von Ronja von Rönne und freue mich tierisch
  • melde mich im Fitnessstudio an (diesmal wirklich!)
  • schreibe einige Texte, die mir seit Ewigkeiten im Kopf umherschwirren
  • mache mich auf die Suche nach Buchfans, von denen ich wiederum Fan bin, die gerne in den nächsten Folgen Buchclub mitfeaturen
  • versuche mit meiner Besessenheit nach politischen Gesprächen nicht mein Umfeld zu nerven (aber im Ernst, diese letzten Wochen haben mich wirklich wirklich mitgenommen)
  • lese diesen Blogpost Korrektur, denn manchmal schleichen sich Fehler ein, die mir schon (fast!) peinlich sind
  • sehe ich meine allerbeste Freundin in Berlin wieder ahhhhhh
  • beende ich diesen Blogpost und mache ich auf dem Weg zu einem Lunchdate, fühlt euch gedrückt, bin froh, wieder zurück auf dem Blog zu sein, hoffen wir, dass das so bleibt. Bye, bye, passt auf euch auf. <3 Ana xx

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3 Comments

  • Tabea 5. Oktober 2017 at 19:23

    Mein Semester fängt ja auch Montag wieder an und ich habe ehrlich gesagt NULL Bock. Der Stundenplan ist nämlich unter aller Sau – drei Tage morgens 8 bis abends 7 am Stück und dann frei… aber mein Pony würde mich glaub ich lieber nicht ständig eine halbe Woche kaum sehen, wo doch die Weidesaison gerade endet 🙁
    Und die Themen in der Uni interessieren mich privat auch eher nicht…

    Die Wahlergebnisse haben auch micht nicht gefreut – und durch die Wahlen habe auch ich viel über Politik diskutiert.

    Ich finde das Protest-Wählen aber inzwischen doch okay… denn wenn die unzufriedenen Leute eine harmlosere Partei gewählt hätten oder gar nicht, wäre die Politik nicht aufgewacht. Dann würde man weiterhin gewisse Personengruppen politisch gesehen ignorieren…
    Und die AfD vertritt teils sogar Punkte, die ich gut finde – und den Rest bekommen sie sowieso nicht durchgesetzt, da keine andere Partei das unterstützt. Von daher kann ich verstehen, wenn man die Partei wählt, da sie für den Bundestag eigentlich kaum eine Gefahr ist meiner Meinung nach, solange sie nicht die absolute Mehrheit erreicht.

    Dass dein Sozialleben so gut läuft, lese ich gern… ich sehe meine Freunde kaum noch, weil die nur Zeit haben, wenn ich keine habe. Und in der Hochschule wollen meine Mitschüler möglichst nicht mit mir zu tun haben…

    Deine Pläne klingen gut! 😉

    Liebe Grüße

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