Weekly Log #12 : Tech + Art

Ana - 4. November 2018

Hallo meine Lieben und herzlich Willkommen zu einer 3:41 Uhr Schreibekstase, die ein so starkes Dejavu auslöst, dass ich für einen kurzen Moment wirklich dachte, es sei Anfang 2017 in meinem allerersten WG-Zimmer in Münster. Hatte wirklich lange gar nicht das Bedürfnis zu schreiben. Jetzt liege ich eingehüllt wie ein Burrito unter meiner Decke in meinem Wohnheimzimmer in Bristol, starre auf das Poster mit Van Goghs „Cafe Terrace“ und gebe es auf, mir einen normalen Schlafrhythmus anzutrainieren. Zumindest für heute.

Freshers Week

Ich bin zwar streng genommen kein Fresher, doch da ich vor genau einem Monat relativ hilfs- und orientierungslos das erste Mal in dieses damals kahle Zimmer gelaufen bin, war eine Orientierungswoche gar nicht mal so schlecht. Die Clubnächte, die die Uni organisiert hat, waren grauenvoll und irgendwie wurde mir von dem ganzen Smalltalk und dem verzweifelten Freundessuchen, was ich beobachten konnte, ganz ganz blue-ig. Trotzdem: Viele freie Touren, viele Rabatte und eine WG, die ich mir besser sicher nicht hätte zusammenstellen können. Ein Bündel aus sehr sehr unterschiedlichen Leuten, die aber eine halbe Stunde länger wach bleiben, wenn ich um kurz nach 1 (am) in unsere Gruppe schreibe, dass ich mich auf den Weg nach Hause mache, nur um mit mir die Details des Abends und die Pro und Cons meiner Begleitung ausdiskutieren.

Kultur Schock und Sprachbarriere

Die Überschrift ist das Produkt meines tendenziell übertreibenden Schreibstils. Bin in England, nicht Narnia. Dennoch: Es ist interessant zu erfahren, wie es sich anfühlt, auf unpräzise Worte ausweichen zu müssen, weil einem das ins Schwarze treffende Vokabular einfach nicht einfällt. Wie andere reagieren, wenn man deutsche Metaphern 1:1 übersetzt – wie sie sich manchmal freuen, weil tolle sprachliche Bilder eben auch wunderschön sein können, auch wenn es sie in dieser Sprache noch gar nicht gibt. Zum Stichwort Kulturschock möchte ich die Angewohnheit, Chips (!!!) als Beilage (!!!) zu einer normalen Mahlzeit sowie die Trink- und Drogenkultur nennen, die hier etwas intensiver ist. Und in Bristol mit seinem fast täglichen Technoangebot und den Reihen an Gallerien vielleicht noch einen Ticken extravaganter.

Mode fällt hier auch auf – weil jeder trägt, was sie will und es absolut keine Tabus gibt. Hier läuft Lieschen (Elizabeth?) Müller rum wie die Fashion Gurus in Deutschland. Gossip und soziale Highschool-Hierarchien bekommt man unter den Studenten schon mit; doch irgendwie ist alles weniger oberflächlich, weniger uniform. Man selbst zu sein wird gefeiert. Dieses Motto herrscht glücklicherweise in meinem Freundeskreis back in M-Town, den ich mir aber mühselig aus vielen Kontakten zusammengeklaubt habe. Hier ist es die Baseline.

Uni

Finde ich in Ordnung bisher. Cognitive Psychology habe ich 3x die Woche für jeweils eine Stunde, was sich so einengend und ineffektiv anfühlt, dass ich diese Vorlesung erstmal aus meinem Terminkalender gestrichen habe. Hier werden alle Vorlesungen aufgenommen und online gestellt – WARUM MACHT DAS DAS PSYCHOLOGISCHE INSTITUT IN MÜNSTER NICHT???!

Eine Managementvorlesung plus Seminar verfolge ich dagegen gerne physisch anwesend, denn diese beiden Veranstaltungen sind nicht nur unglaublich toll organisiert (und ich LIEBE gut organisierte Dinge), sondern bringen auch etwas frischen Wind in mein Curriculum, das bis auf ein Wahlfach ausschließlich aus Psychologiekursen besteht. Dachte ja früher immer, ich möge Wirtschaft so gar nicht; aber wissenschaftliche Blicke auf Wirtschaft haben mein Herz erobert – auch wenn ich für die schnörkeligen und rhetorischen Abhandlungen, die wir lesen müssen, so lange brauche, wie ein Erstklässler für seine erste Lektüre.

Mein dritter Kurs heißt Genes and Behavior. Einen Kurs fürs wissenschaftliche Englisch besuche ich auch. Neben einem Vorlesungssaal befindet sich das Café mit der Café Wall Illusion. Der Kognitionspsychologe Richard Gregory entdeckte eine Optische Täuschung rein zufällig an der Wand eines Cafés, als er den St. Michaels Hill in Bristol herabstieg. Habe mich irgendwie riesig gefreut, dort einen Cappuccino zu trinken. Was Wikipedia zur Café Wall Illusion sagt, lest ihr hier.

Want to Share

Amelie Lens: An einem meiner ersten Abende rief mich ein Freund an und befahl mir, sofort ins Motion (ein Club in Bristol) zu gehen. Dort legte Amelie Lens, eine bekannte und wunderwunderschöne Techno-DJane auf. Ich wechselte also zu einer sehr späten Uhrzeit von Pyjama zu etwas, was man ein Outfit nennen kann, und rannte alleine zum Motion, wo ich eine wundervolle Gruppe an Menschen traf, von denen sich eine als meine Nachbarin herausstellte (life is good). Das sind die Alltagsabenteuer. Schaut mal bei Amelie Lens auf Instagram vorbei.

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K.O. 💯 thank you Bristol!

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Bristol Museum and Art Gallery: Eintritt ist frei und die Stücke, die man sich ansehen kann, einen Trip nach Bristol wert. Vor allem im Licht von Banksys Protesten gegen die Kommerzialisierung von Kunst gibt es nichts schöneres als sich einen Tag frei zu nehmen, mit einem Getränk und guter Begleitung durch Stokes Craft zu schlendern, die Street Art anzusehen und im Anschluss die Art Gallery zu besuchen, die eben auch keine finanzielle Gegenleistung fordert, dafür aber so unglaublich viel Inspiration, intellektuellen Anstoß und ein ganz wohliges Gefühl gibt.

Peter Singer: Habe letztens mal demonstrativ eine Nacht in meinem Zimmer verbracht, Nachrichten gelesen, TED Talks geschaut. Dabei bin ich auf Peters Singers Talk zum Effektiven Altruismus gestoßen, der mich an zwei Aussagen erinnert hat, von denen ich überzeugt bin, dass sie stimmen: 1.) It is one of the most beautiful compensations of life, that no man can sincerely try to help another without helping himself. 2.) Jedes Leben ist gleichwertig (nicht gleich).

Manchmal verbringe ich zu viel Zeit mit ehrgeizigen, muskulösen BWLern (die ich gerne mag, keine Frage) und vergesse ein bisschen, was mir wirklich wichtig ist und dass ich eigentlich vegan leben müsste, um mit meinem moralischen Bauchgefühl im Einklang zu sein.

Wear I Live: Eine New-Yorker-Youtuberin, die ich vor einigen Tagen entdeckt habe, und gerne non-stop auf allen Kanälen verfolgen will. Wenn ich ihre Videos oder ihr Instagramprofil anschaue, fällt mir nur eins ein: Ästhetik.

Ab morgen

Beginne ich mit meiner Hausarbeit über die Grenzen der Rationalität in Managemententscheidungen. Und gehe mit meiner Mitbewohnerin zu einem wöchentlichen Jazz-Kurs, den wir sehr gerne haben. Ansonsten werde ich weiterhin ziemlich in love mit meinem Alltag sein, der sich zwar nicht an den gängigen Zeitnormen orientiert, aber dennoch voller warmer Gespräche, herausfordernder Unilektüren, euphorischer Großstadtausblicke und dreckiger Clubs ist. Ich hab mein Herz an diese Stadt verloren. Wobei „verloren“ vielleicht das falsche Wort ist. Klingt so als wäre Liebe eine erschöpfende Quelle.

Habt einen schönen Sonntag, Ana xx

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