Gedankenballett

Willkommen in Lohhausen!

Ana - 23. Februar 2017

Neuanfänge sind etwas ganz Besonderes. Sie haben etwas Magisches an sich – eine Aufbruchstimmung, in der wir uns selbst einreden, dass ab jetzt alles besser wird. Mitten-Drin-Stecken dagegen hat etwas unglaublich frustrierendes. Entweder man fühlt sich erschlagen von zu viel Arbeit, oder man ist unzufrieden mit der Art von Arbeit, in der man knietief steckt. Wird die Liste der To Dos zu lang, dann sollte man sich natürlich fleißig an die Arbeit setzen. Oder – und diese Alternativlösung erscheint für den Moment meist produktiver – man legt sich hin. Und starrt an die Decke. Und kotzt Selbstmitleid. Dicke Schichten Selbstmitleid. Und suhlt sich darin.

Wie schön wäre alles, wenn…? Wie sehr freue ich mich auf…? Ach hätte ich doch nur…?

Kein neues Szenario und in den meisten Fällen auch kein unglaublich tragisches. Meistens geht spätestens am nächsten Morgen das Leben normal weiter. Überschattet der Zeitdruck am nächsten Tag das Selbstmitleid, dann wird halt etwas exzessiver gelernt. Ist die Liste zu lang für 8 Stunden, dann nehmen wir halt die Nacht mit. Nichts gegen die unproduktiven Stunden versunken in der spekulativen „Warum Ich?“-Stimmung. Die lassen sich ausbügeln.

Doch was ist, wenn diese „Phase“ zur Norm wird? Wenn sie nicht mehr weggeht? Meistens liegt es dann doch an einem selber, da man in einem Jammeranfall die Welt schwarz malt, aber was, wenn tatsächlich die Rahmenbedingungen nicht stimmen? Was wenn auf diesen Frust eine konkrete Entscheidung folgen muss? Vielleicht wäre man mit dem Literaturstudium tatsächlich glücklicher als mit dem Wälzen der Volkswirtschaftslehre. Was wenn ein Studium das Letzte ist, was für einen persönlich geeignet ist? Wenn der rationale Traumjob plötzlich in der Praxis keinen Spaß macht? Was, wenn diese „Was wäre Wenn“-Wünsche zeigen sollen, dass wir auf dem Holzweg sind? Und schleunigst schnell auf die richtige Spur wechseln sollten. Wann weiß ich, dass ich die Handbremse ziehen und tatsächlich etwas ändern muss? Damit meine ich etwas anderes als meine Einstellung. Was wenn einmal nicht ich das Problem bin, sondern das Umfeld? „Lern zufrieden zu sein“ sagen alle. Was aber, wenn dieser Ratschlag auf die eine Situation nicht passt? Wenn eine richtige Veränderung hermuss. Woher weiß ich, wann dem so ist?

Von 1903 bis 1908 lief an der Uni Giessen eines der aufwendigsten Experimente in der Geschichte der Psychologie: Das Lohhausen-Experiment. Unter der Leitung von Dietrich Dörner durften 49 Probanden sich an der Steuerung einer Simulation versuchen, die man heute wohl als den Großvater von den SIMS Computerspielen bezeichnen würde. 10 simulierte Jahre lang amtierten die Studienteilnehmer als Bürgermeister der hessischen Kleinstadt namens Lohhausen – konnten also durch das Treffen bestimmter Entscheidungen und das Verändern bestimmter Faktoren in der kleinen simulierten Politik mitwirken. Und so ziemlich alles bewirken: Sie konnten neue Arbeitsplätze schaffen, in die Industrie oder Unternehmen investieren. Ziel waren nicht reiche und wohlhabende, sondern zufriedene Bürger. Was genau sie für die Zufriedenheit ihrer Bürger tun mussten, wussten die Bürgermeister in spe nicht – und so probierten sie aus, trafen kleine simulierte politische Entscheidungen und konnten dann sehen, wie sich diese auf ihre Bürger auswirkten.

Einige der Probanden entpuppten sich als unglaublich gute Spieler, die nach etwas Trial and Error in etwa wussten wie der Hase läuft. Wieder andere… eher nicht.

Dörner dokumentierte die wichtigsten Fehler, die diese schlechten Versuchspersonen machten. Bist du eine schlechte Versuchsperson dann wechselt du ständig die Themen an denen du arbeiten willst, sobald ein Misserfolg eintritt. Hast du dann mal einen Bereich gefunden, indem du erfolgreich bist, dann lässt du diesen nicht mehr los. Auch wenn die Energiewirtschaft den Bach runtergeht – du feilst weiter an deiner eh schon ziemlich guten Steuerpolitik. Läuft mal etwas nicht so gut, dann setzt du lieber eine Runde aus, statt einzugreifen. Im schlimmsten Fall kannst die Verantwortung auf andere schieben oder die unglaubliche Schwierigkeit deines Jobs betonen. Flucht begehen, das Experiment verlassen, um dich dann zu Hause auf dein Bett zu legen und an die Decke zu starren.

Als ich eines Tages an die Decke starrte, mit dem Gedanken spielte meine Koffer zu packen und mich in Indien zum Yoga-Guru ausbilden zu lassen, fragte ich mich, was für eine Versuchsperson ich wohl wäre. Würde ich diese ganzen Fehler begehen, wenn ich an diesem Experiment teilgenommen hätte? Begehe ich diese Fehler… vielleicht jetzt grade? Nicht in meinem Job als Bürgermeister, sondern als Leiter meines eigenen Lebens?

Wahrscheinlich tue ich das. – und bin damit nicht die Einzige. Wahrscheinlich gibt es wenige, die diese Lebensfehler NICHT machen. Sich das einzugestehen, ist nicht schwierig. Die größte Schwierigkeit von allen besteht darin, zu erkennen, welche Fehler genau ich davon begehe. Treffe ich zu wenige Entscheidungen und übergebe der Eigendynamik des Lebens MEIN Steuer? Treffe ich zu viele Entscheidungen? Plane ich den nächsten Schritt schon, bevor ich die Resultate meiner letzten Aktion kenne? Lasse ich vorzeitig alles liegen und stehen, wenn es grade nicht gut läuft und höre Zentimeter vor der Goldgrube auf zu graben?

Es gibt ja Menschen, die empfehlen alles auf sich zukommen zu lassen. Wer hat denn jetzt Recht? Jemand der mir sagt ich soll etwas schwimmen oder jemand der darauf besteht, dass ich das Steuer in die Hand nehme? So gerne wäre ich ein guter Bürgermeister für Lohhausen.

So wie die Studienteilnehmer den Hintergrund, die Variablen, die Vernetztheit des Programms nicht kannten, so geht es mir manchmal mit meiner eigenen kleinen Welt. So ist das im Realen Leben. Niemand weiß, wie man es richtig bedient. Mit dem Programmierer können wir auch nicht sprechen und so werden wir wohl immer im Dunkeln tappen, wenn es darum geht herauszufinden, wie eine optimale Lebensführung aussieht, auf welchen Rat wir hören und an welchen Mängeln wir tatsächlich feilen müssen.

Wie viel Zeit soll man sich geben, um sich an einem neuen Ort einzuleben, ehe man seine Zelte abbricht? Wie viele Chancen gibt man einer geliebten Person, ehe man ihr nicht mehr vergibt? Wie oft darf man alles hinschmeißen und die Richtung wechseln, ehe man Erfolg hat? Wann hält man zu fest fest, wann ist man nachlässig? Wieso liefert mir keiner eine Bedienungsanleitung, mit Faustregeln, Grenzen, Zahlen, Fakten, an die ich mich halten kann?

Es ist leicht, den Spieler zu bewerten, wenn man das Spiel selbst konstruiert hat. Von wem holen wir uns aber Ratschläge in Sachen Lebensführung? Stehen nicht eigentlich alle einem schwarzen Chaos gegenüber und versuchen, in ihrer Vergangenheit Gesetzmäßigkeiten darüber zu erkennen, wann es läuft und wann komplett den Bach runter? Niemand von uns weiß sicher, wie unsere Entscheidungen miteinander vernetzt sind. Niemand hat einen vollständigen Überblick über alle Hebel, an denen man ziehen kann.

Manchmal, wenn ich grübelnd an die Decke starre, wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine Anleitung fürs Leben. So wie es eine für die Simulation Lohhausen gibt. Am liebsten würde ich Ebay aufrufen (kriegt man dort nicht so ziemlich alles?) und mir diese Anleitung bestellen. „So ziemlich alles“ schließt diese aber nicht ein und so könnte ich allerhöchstens in 20 Jahren auf meine Fehler blicken und eine eigene Anleitung schreiben. Dann bringt sie mir auch nichts mehr.

Bevor ihr mich jetzt als Lebenspessimist abstempelt: Am Ende des Tages bin ich zwar immer noch etwas verärgert, aber auch unendlich dankbar, diese Gedanken zu haben. Klar, ich habe so meine Probleme mit einigen Dingen, Entscheidungen und Menschen. Doch ich bin hier, um das trotzdem (oder gerade deshalb) auf die Kette zu kriegen. Niemand kann mir einen universellen Ratschlag geben und genauso kann mich auch niemand universell verurteilen. Niemand kennt die Faktoren, die Regeln, die Fehler, die Stärken und Schwächen, die Wahrheiten und die Lügen, aus denen das Leben konstruiert ist. Und so muss ich alles selbst herausfinden. Kein „One Sizes Fits All“, keine Bedienungsanleitung. Nur ich kann beurteilen, wann ich das Spiel richtig spiele. Heißt das auch keine Regeln? Setz ich meine Regeln selber? Wo ist das Limit?  … und: Darf man das Leben überhaupt als Spiel bezeichnen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, welche Fehler ich mache. Ich weiß nicht, wann ich mich zu viel entscheide und wann zu wenig und egal wie gerne einige Leute Ratschläge geben – sie wissen es auch nicht zu 100%. Und genau das ist der Sinn des Ganzen. (oder vielleicht auch nicht?)

P.S.: Das Ganze ist etwas philosophischer geworden, als beabsichtigt.

Beitragsbild: Unsplash.com / Sergey Svechnikov

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4 Comments

  • Lexa 26. Februar 2017 at 17:17

    Vielleicht etwas philosophischer als beabsichtigt, aber sehr, sehr schön.
    Ich kenne diese Gedanken, wie wohl jeder, aber bin auch irgendwie froh, dass ich sie überhaupt denken kann und die Wahl habe. Keiner schreibt mir vor, wie ich leben muss. Ich kann entscheiden. Nur manchmal ist die Entscheidung halt sehr schwer.
    LG Lexa

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    • Ana 4. März 2017 at 10:17

      Hey Lexa,
      vielen Dank! Klar, sie ist sogar ziemlich oft schwer, aber es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass sie dennoch allein deine ist. xx Ana

      Reply
  • Marie 27. Februar 2017 at 11:15

    Ich finde, es ist ziemlich cool philosophisch geworden! Außerdem klingt das Experiment super interessant – da wüsste ich auch gerne, wie ich selbst gehandelt hätte 😉

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  • Linkliebe № 2 - LexasLeben 6. März 2017 at 11:56

    […] Willkommen in Lohhausen! […]

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