Gedankenballett

Wir feiern effizient!

Ana - 24. Mai 2016

Angekommen im 21. Jahrhundert muss der Mensch nur einen kleinen Schalter betätigen, um sein Arbeitszimmer auch um 2:32 Uhr mit Licht zu durchfluten. Ein Autor, dem um diese Uhrzeit eine epische Romanidee in den Sinn kommt, rollt sich auf seinem Bett zur Seite und betätigt den Lichtschalter. Klick, und schon ist es Tag. Schiller dagegen hätte erst einmal im Dunkeln durch seine Hütte stolpern müssen, ehe er blind nach zwei drei Kerzen wühlen könnte. Dann ist da noch die Sache mit den Streichhölzern. Bis die Herausgekramt und die Kerzen angezündet sind, hat der Autor der flinken Generation bereits seinen Prolog aufs Papier gebracht.

Viele kleine Bausteine des Heute, die sich vom Gestern abgrenzen, führen dazu, dass wir heutzutage so viel Zeit haben, dass wir so viel planen, dass uns die Zeit fehlt. Die To-Do-Listen werden länger, die Reisezeiten kürzer. Effizienz steht überall, selbst mir auf die Stirn geschrieben, wenn ich mit dem Schminktäschchen vor dem Spiegel stehe, und mich für genau 120 Minuten Feiern zurechtmache.

Die Entwicklung von Kerze zu Glühbirne, mündet letzten Endes nämlich in der Erfindung der Zwei-Stunden-Party. Ein Event, dass sich abzuheben versucht vom Rest, der in der Effizienzkiste verstaubt. 22 Uhr geht’s los, 24 Uhr wird geräumt. Schnell alle rein! Mehr Leute auf einmal, der Alkohol ist erschreckend günstig. Steht der Fokus auf mickrigen 120 Minuten, fällt es jedem einfacher in dieser Zeit glücklich zu wirken. Die meisten kommen in Jeans, doch da sind auch eine Handvoll Leute, die etwas galanter in den Kleiderschrank gegriffen haben. Kurze Schwarze Kleider – untypisch für eine Stadt wie Bochum – oder knallrote, gelbe. Einige Typen tragen Lackschuhe, wie man sie normalerweise nur in Kombination mit einem Anzug sieht. Oder aufgebauschte Man-Buns. Sie zeigen deutlicher als die anderen, dass sie auffallen wollen in diesem kleinen Kellerraum, vollgepackt mit Person 1 bis Person 522, die alle das Kleingeld für Tequila Shots dahaben, um für möglichst wenig Geld, mit möglichst vielen Leuten, für möglichst wenig Zeit, möglichst viel Spaß zu haben. Wer schon um 1 Uhr im Bett liegt, kann am nächsten Morgen pünktlich mit Krawatte und nur einem zugeknöpften Knopf im Jacket die kaufmännische Ausbildung bei der Sparkasse angehen und ist trotzdem kein Langweiler. „Die Party gestern war gut. Das ist jetzt so eine neue Sache: Geht nur zwei Stunden, aber ballert richtig und ist immer voll. Die Leute gehen alle steil“.

Halleluja. Wer seine Party auf zwei Stunden limitiert, muss schließlich Gas geben.

Effizient Party

Bilder via We Heart It

Darüber bin auch ich mir bewusst. „Können wir uns einmal kurz hinsetzen, meine Beine sind total fertig?“ So die Freundin mit der ich gekommen bin. Nein. Keine Zeit verlieren auf der Tanzfläche, denn die schließt in 1:38h, wie mir die projizierte Anzeige auf der Wand gegenüber der Bar mitteilt. Sie verändert sich mit jeder Sekunde, die abläuft und die Heimreise näherbringt. Ich drehe den Kopf in seine Richtung, während ich mir durchs Haar streiche. Es ist ungewohnt kurz und so greifen meine Hände schon nach wenigen Zentimetern ins Leere. Ihn entdecke ich aber sofort, auch in der wilden Menge, der Meute, die mit Blick auf 1:37h versucht mit noch wilderen Moves zu überzeugen. Vor einer Woche wusste ich nicht, dass es ihn gibt, und dann, in den letzten 6 Tagen traf ich ihn ständig. Die Zwei-Stunden-Partys haben mich verführt und bei meinen ständigen Besuch treffe ich auch ihn jedes Mal. Jedes Mal „rein zufällig“. Jedes Mal tun wir so, als würden wir uns das erste Mal begegnen. Die erste Stunde widmen wir uns – jeder für sich – allen anderen von Nummer 1 zu Nummer 521 zu und ignorieren uns gekonnt. Mit Blick auf die projizierte Zeitanzeige, merken wir fast synchron, dass uns die Zeit langsam knapp wird. Dann verbringen wir den restlichen Abend miteinander. Und Stunden nach Mitternacht entlassen wir uns gegenseitig in die Unbekanntheit, ohne Ausgetauschte Nummern, aber mit dem Wissen, dass wir uns bald wiedersehen.

Ich versteh nicht, was wir alle wollen. Alles erscheint so verworren. Wir wollen Spontanität, aber planen die besonderen Momente in unserem Terminkalendar, limitieren sie auf zwei Stunden. Heute feiern wir effizient. Heißt: Jede Minute zählt, und wenn grade work angesagt ist, worken wir; wenn Exzess angesagt ist, dann gibt es Exzess. Wir streben Einzigartigkeit an und wollen auffallen, aber verstecken uns in einem vollen Keller, um unterzugehen. Aber nicht zu sehr – dafür sind das rote Kleid und die schwarzen Anzuglackschuhe da. Alle wünschen sich stets einen Neuanfang, wollen sich Loslösen von dem verhassten Schubladendenken und finden sich an einem Ort wieder, an dem man sich jeden Abend aufs Neue als Unbekannte treffen kann.

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Meet Ana

  • Happy #humpday 🥂 dieses Mal mit Apfel-Walnuss-Zimt Overnight Oats, Kuschelpulli 👘 und nackten Füßen im Instafoto #sorrynotsorry ♥️
  • Gefunden bei @bymariandrew // Vielleicht macht man sich etwas weniger Sorgen, wenn man das im Hinterkopf behält. 🍩 worry! #illustration #reminder #sayings #sharethelove
  • Regenbogenessen bei @daluma.official mit meiner allerliebsten @thisisgreta 🌈 hätte mir keinen besseren Abschluss dieser anstrengenden Woche #togo vorstellen können! #berlin #food #healthy #latergram
  • 🌺 when in doubt wear pink! #ootd #interior #spring
  • Life unfiltered 🌈 Chaos, dreckiger Spiegel und keine Schuhe, die zum Outfit passen ☀️ #firstworldproblems
  • 😔♥️
  • first açai bowl 🍇 #breakfast #acaibowl #tgifridays
  • When exams are over and you meet up to take a nap 💤♥️ @_davia_j @annakaup #sleepforpresident #sleepiseverything
  • Hallo März! 🦋